"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 27. Februar 2016

Strandgut der Woche

Donnerstag, 25. Februar 2016

"Expedient because / Utopia spawns few warriors"


"And you are ...?"
"Cheradenine Zakalwe; I fight wars." 

Use of Weapons ist nicht nur das wohl düsterste Buch aus Iain M. Banks' grandiosem Culture - Zyklus, sondern auch eines der besten. 
Obwohl der Roman erst 1990 nach Consider Phlebas (1987) und The Player of Games (1988) veröffentlicht wurde,  war es interessanterweise die Arbeit am ersten Entwurf zu ihm, die den Schriftsteller Mitte der 70er Jahre zur Idee der Culture geführt hatte. Wie er es 2010 in einem Interview mit Jude Roberts beschrieben hat:
The way the Culture came about initially was as I thought at the time a single-use solution to a particular problem. I was getting ready to write Use of Weapons and I knew that Zakalwe was this sort of ultimate warrior guy, just very martially able, but I wanted him to be on the side of the good guys somehow. Squaring that circle was the problem, so I came up with the idea of the Culture as his ultimate employers: a society basically on the side of the angels but willing to use people like Zakalwe [...] to do its dirty but justified work. [...] That was it, initially, but then the Culture proved to be the nucleus around which all my other until then rather nebulous ideas started to cluster and take shape, and it just developed naturally, it feltby itself, from there.
Die Culture ist eine technologisch extrem fortgeschrittene interstellare Zivilisation, in der Menschen* und Künstliche Intelligenzen gleichberechtigt zusammenleben und die meisten organisatorischen Aufgaben von den Minds übernommen werden gewaltigen, manchmal etwas exzentrischen, doch stets wohlmeinenden AIs. Eine klassenlose Post-Scarcity-Gesellschaft ohne Privateigentum und Geld, in der ein egalitäres Ethos mit der ungebremsten Entfaltung des Individuums Hand in Hand geht. Eine ebenso hedonistische wie humane Kultur, für die die Minimierung jedweden Leids den obersten Wert darstellt.
"The only desire the Culture could not satisfy from within itself was [...] the urge not to feel useless."** Um ihrer Existenz als Gesellschaft einen höheren "Sinn" zu verleihen, macht sie es sich deshalb zur Aufgabe, in die geschichtliche Entwicklung anderer, weniger weit entwickelter Zivilisationen einzugreifen, um diese in progressiver Richtung – hin zu einem besseren Leben für die große Mehrheit – zu beeinflussen. Contact – die für diese Interventionen verantwortliche Sektion der Culture lässt sich dabei von den vermeindlich unfehlbaren statistischen Berechnungen der Minds leiten.*** Und immer dann, wenn zum Erreichen ihrer Ziele Methoden angewandt werden müssen, die im Widerspruch zur Moral der Culture stehen, kommt Special Circumstances zum Einsatz – so etwas wie der Geheimdienst der Culture

Bei ihren Operationen nimmt Special Circumstances mitunter die Dienste von "Spezialisten" in Anspruch, die nicht der Culture angehören. Von diesen Söldnern ist Cheradenine Zakalwe, der Protagonist von Use of Weapons, einer der fähigsten. Zugleich ist er eine zutiefst gestörte, ruhelose  Persönlichkeit, ständig verfolgt von den Dämonen seiner Vergangenheit, denen er sich irgendwann nicht mehr wird entziehen können.

Der etwas ungewöhnliche Aufbau des Romans macht es anfangs vielleicht nicht ganz leicht, einen Zugang zu Use of Weapons zu finden, aber wenn man sich erst einmal ein bisschen eingelesen hat, bereitet das keine großen Probleme mehr. 
Der Hauptstrang der Erzählung handelt von Zakalwes letzter Mission. Im Auftrag von Special Circumstances macht sich die Agentin Diziet Sma**** zusammen mit der Drone Skaffen-Amtiskaw auf, den Söldner, der sich dem Zugriff der Culture zu entziehen versucht, aufzuspüren und zu "reaktivieren". Zakalwe soll den alten Ex-Politiker Beychae, mit dem er früher schon einmal zusammengearbeitet hat, dazu überreden, seinen selbstgewählten Ruhestand aufzugeben und auf die politische Bühne zurückzukehren, da die Culture davon überzeugt ist, dass nur er den Ausbruch eines Krieges verhindern kann, der einen ganzen Sternen-Cluster zu verwüsten droht. Natürlich erweist sich die Mission als nicht ganz so einfach und unblutig, wie sie auf den ersten Blick klingen mag.
Diese Haupthandlung wird immer wieder von Kapiteln unterbrochen, in denen unterschiedliche Episoden aus dem Leben von Zakalwe erzählt werden. Viele von ihnen ähneln Schnappschüssen, die uns ohne jeden weiteren Kontext präsentiert werden, was zuerst einmal etwas irritierend wirkt. Wir wissen nicht, was für Kriege das sind, in die die Culture ihn offenbar geschickt hat, warum er einen "Auserwählten" durch die von feindlichen Nomaden bevölkerte Wüste eskotieren oder das letzte Bollwerk eines aristokratischen Regimes gegen irgendwelche Rebellenheere verteidigen muss. Erst wenn sich der Fokus der Episoden immer weiter in die Vergangenheit zurückverlagert, wir erste Einblicke in die Kindheit des Söldners erhalten oder erfahren, wie Sma ihm das Leben gerettet, ihn in die Culture eingeführt und schließlich für Special Circumstances rekrutiert hat, wird es einfacher, diese Mosaiksteine zu einer Art Biographie zusammenzufügen.
Aber auch wenn diese Konstruktion auf den ersten Blick etwas verwirrend erscheinen mag, erfüllt sie doch einen Zweck. Es geht in diesem Buch nicht wirklich um die Handlung. Die Abenteuer von Sma, Zakalwe und Beychae sind zwar unterhaltsam genug, aber sie gewinnen erst gegen Ende ihre eigentliche Bedeutung. Das wirkliche Thema von Use of Weapons ist, was Krieg, Gewalt und letztlich jede Gesellschaft, die auf Kampf aufgebaut ist, aus einem Menschen machen kann.

Zakalwe ist deshalb der perfekte Kämpfer, weil er in einer Welt aufgewachsen ist, in der der Wille zum Leben unauflöslich mit der Notwendigkeit des Kämpfens verknüpft ist.
He saw a chair, and a ship that was not a ship; he saw a man with two shadows, and he saw that which cannot be seen; a concept; the adaptive, self-seeking urge to survive, to bend everything that can be reached to that end, and to remove and to add and to smash and to create so that one particular collcetion of cells can go on, can move onwards and decide, and keeping moving, and keeping deciding, knowing thatif nothing elseat least it lives.
And it had two shadows, it was two things; it was the need and it was the method. The need was obvious; to defeat what opposed its life. The method was that taking and bending of materials and people to one purpose, the outlook that everything could be used in the fight; that nothing could be excluded, that everything was a weapon, and the ability to handle those weapons, to find them and choose one to aim and fire; that talent, that ability, that use of weapons.
Von frühester Kindheit an hat Zakalwe gelernt, alles als Waffe im Kampf ums Überleben zu betrachten, selbst Gefühle, Beziehungen, Menschen. 
Und jenes traumatische Erlebnis aus seiner Jugend, das er mit dem Bild eines gewaltigen Kriegsschiffs und den Begriffen "Stuhl" und "Stuhlmacher" verbindet; die grauenhafte Erinnerung, die er krampfhaft zu verdrängen versucht, doch die immer wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins gespült wird, entpuppt sich am Ende als ein besonders perverser Ausdruck dieser Fähigkeit: "[S]uch consummate skill, such ability, such adaptability, such numbing ruthlessness, such a use of weapons when anything could become weapon ..."

Wenn Zakalwe sich bereit erklärt, in die Dienste von Special Circumstances zu treten, dann, weil er glaubt, damit den Schuldgefühlen entkommen zu können, die ihn seit jenem Ereignis quälen. Er kann weiter kämpfen, doch er kann sich dabei stets denken, dass er diesmal für eine "gute Sache" kämpft. Vor allem jedoch muss er nicht länger selbst die volle Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Er folgt den Befehlen der Culture, und deren ach so schlaue Minds werden schon errechnet haben, dass das, was er tut – so brutal und amoralisch es auch sein mag – letztenendes "notwendig" ist.   
Power meant responsibility. [...] in the working out of whatever plan was followed, there was anyway always blood; better it was on their hands. The good soldier did as he was told, and if he had a any sense at all volunteered for nothing, especially promotion.
Doch diese Rechnung geht nicht auf, und mehrmals versucht er, seinem Kämpferdasein den Rücken zu kehren und ein neues Leben anzufangen. Aber was er auch tut, es gelingt ihm nicht, inneren Frieden zu finden. Nicht allein, weil er den Erinnerungen an den "Stuhl" und den "Stuhlmacher" nicht zu entkommen vermag, sondern vor allem, weil er bis in seine intimsten Gefühle hinein von jener scheinbar unauflöslichen Einheit von Leben und Kampf geprägt ist: 
Sex was an infringement, an attack, an invasion; there was no other way he could see it; every act, however magical and intensely enjoyed, and however willingly conducted, seemed to carry a harmonic of rapacity.
Und so findet er sich eins ums andere Mal in einer Lage wieder, in der er Diziet Smas Angebot, eine weitere Mission für Special Circumstances zu übernehmen, nicht ablehnen kann. Immer wieder kehrt er zurück in die Welt von Krieg und Kampf.

Als Bürgerin der Culture, die in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der niemand "kämpfen" muss, um zu "überleben", in der es nicht notwendig ist, alles als eine mögliche Waffe zu betrachten, kann Sma Zakalwe nicht wirklich verstehen:
You could have changed your life; you don't have to live the way you do; you could have joined the Culture, become one of us; at least lived the way we do
Es ist ihr nicht möglich, zu begreifen, dass er das nicht kann, weil seine ganze Psyche auf eine Art deformiert wurde, die es ihm nicht erlaubt, das unbeschwerte Leben eines Culture - Bürgers zu führen.
Zakalwe macht ihr recht deutlich klar, warum er eigentlich nicht länger für Special Circumstances arbeiten will:
Yes; you saved me. But you've also lied to me; sent [...] me on damn fool missions where I was on the oppositze side from the one I thought I was on, had me fight for incompetent aristos I'd gladly have strangled, in wars where I didn't know you were backing both sides, filled my balls full of alien seed I was supposed to inject into some poor damn female ...
Sma erwiedert darauf: "'Oh Cheradenine [...] Don't pretend it hasn't been fun, too.'
Das mag zynisch klingen, aber in der Tat bezieht Zakalwe Vergnügen daraus, das zu tun, was er am besten kann – ein Soldat zu sein. Doch zugleich leidet er darunter. Und diesen Widerspruch kann jemand wie Sma einfach nicht nachvollziehen. 

Die bittere Ironie besteht darin, dass genau diese pervertierte Psyche Zakalwe zu einem idealen Agenten für Special Circumstances macht. Um ihre ohne Zweifel edlen Ziele zu erreichen, braucht die Culture Personen wie ihn, die in der Lage sind, Dinge zu tun, "they could or would not bring themselves to do". Und so erhält der Titel des Romans am Ende eine doppelte Bedeutung. Nicht nur ist Zakalwe dazu verdammt, alles in der Welt als eine mögliche Waffe zu betrachten, die Culture benutzt ihn selbst als Waffe.

Kein anderer von Iain Banks' Culture - Romanen klingt auf einer derart düsteren Note aus wie Use of Weapons. Der letzte Abschnitt des Romans gibt sich den Anschein, der Prolog zu einem anderen Buch mit dem Titel States of War zu sein. In ihm sehen wir, wie Diziet Sma einen Nachfolger für Zakalwe zu rekrutieren versucht, einmal mehr einen von Krieg und Gewalt versehrten Menschen. Der letzte Satz des Buches lautet: "'Now, Mr Esocerea', Sma said, shivering, 'How would you like a proper job?'" Sie weiß, was sie tut. Das Zittern macht das deutlich. Sie weiß, dass sie erneut dabei ist, einen Menschen zu einer Waffe zu machen. Aber sie weiß auch, dass das notwendig ist, wenn das Bemühen der Culture, das Leben ganzer Völker zum Besseren zu wenden, erfolgreich sein soll.*****



* Die "Menschen" der Culture sind keine Nachfahren der Erdbewohner. Für mehr Informationen vgl. Iain M. Banks: A Few Notes on the Culture.
** Consider Phlebas. S. 451.
*** Dass diese nicht immer unfehlbar sind, zeigt sich vor allem in Look to Windward, wenn der Versuch der Culture, mittels politischer Manipulationen die Aufhebung des Kastensystem unter den Chelgrians herbeizuführen, deren Gesellschaft in einen blutigen Bürgerkrieg stürzt. 
**** Nebenbei:  Wen die Passage irritiert, in der die Agentin ganz offensichtlich auf die Praxis der Todesstrafe in den USA anspielt, der lese die Novelle The State of the Art. In ihr erzählt Banks, wie das Contact - Schiff Arbitrary, zu dessen Besatzung Sma gehört, die Erde der späten 70er Jahre besucht. 
***** Use of Weapons. S. 159/60; S. 380;  S. 54; S. 120; 144; 77.

Dienstag, 23. Februar 2016

Was könnte cooler sein?

Trotz der miesen Bildqualität {und der irritiertenden Angewohnheit, immer mal wieder von der GEMA gesperrt zu werden} ist das hier ohne Frage eines meiner liebsten Musikvideos. Mal ehrlich, was könnte cooler sein als eine Kombination von Siouxsie & The Banshees, Iggy Pops The Passenger und The Prisoner einer der besten phantastischen Fernsehserien aller Zeiten?
 


Sonntag, 21. Februar 2016

Die unkritischen Kritiker

In einer Woche wird in Los Angeles die achtundachtzigste Verleihung der Academy Awards stattfinden. Ein Ereignis, für das ich normalerweise wenig Interesse aufzubringen vermag, finde ich das Spektakel von Luxus und eitler Selbstverliebtheit, das Hollywoods Elite zu diesem Anlass alljährlich veranstaltet, doch weder sonderlich spannend noch besonders sympathisch. Und die dabei verliehenen Preise können allerhöchstens als Gradmesser für den intellektuellen, kulturellen und moralischen Zustand im filmerischen Establishment dienen, mit der Würdigung künstlerischer Brillianz haben die Oscars nie wirklich etwas zu tun gehabt.

In diesem Jahr freilich hat die Oscar-Verleihung bereits in ihrem Vorfeld für eine heftige Kontroverse sowohl in den "offiziellen" Medien als auch in den Weiten des Internets gesorgt. Der Umstand, dass sich unter den nominierten Schauspielern & Schauspielerinnen keine Farbigen befinden und Streifen wie Beast Of No Nation, Creed und vor allem Straight Outta Compton nicht für die Kategorie "Bester Film" nominiert wurden, hat heftige Kritik an der mangelnden Diversität in Hollywood, mitunter auch offene Rassismus-Vorwürfe gegen die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) ausgelöst. Spike Lee, Jada Pinkett Smith, Will Smith sowie der altgediente "Aktivist" Al Sharpton haben sogar mehr oder minder offen zum Boykott der Feierlichkeiten aufgerufen.

In der Tat wäre eine größere Diversität sowohl vor als auch hinter der Kamera mehr als wünschenswert.  Auch lässt sich wohl nicht ernsthaft bezweifeln, dass vor allem Frauen, aber sicher auch Angehörige ethnischer oder anderer Minderheiten, in der Filmindustrie nachwievor mit zahllosen Vorurteilen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen haben. Von der Tatsache, dass rassistische, sexistische oder andere Stereotypen im amerikanischen Mainstream-Kino immer noch erschreckend weit verbreitet sind, mal ganz zu schweigen.
Dennoch kann ich mich dem Aufruhr um die "All-White Oscars"  nicht vorbehaltlos anschließen. Und der Grund dafür ist in erster Linie nicht, dass ich für einige seiner lautstärksten Anführer wenig übrig habe. Ja,ich hege keinerlei Sympathie für den politischen Scharlatan und Millionär Al Sharpton, und ich finde Spike Lees periodische Selbstinszenierungen als "Rebell" und "Underdog" angesichts seiner unangefochtenen Stellung im Hollywood-Establishment und der durch und durch konformistischen Qualität seiner Filme inzwischen bloß noch peinlich. Aber das ändert nichts daran, dass viele derjenigen, die ihren Unmut über die Nominierungen zum Ausdruck bringen, ohne Frage von ehrlicher Wut über real existierende Missstände angetrieben werden.
Was mir bei dem Ganzen Probleme bereitet, ist, dass mir die meisten dieser Kritiker & Kritikerinnen ironischerweise eine äußerst unkritische Haltung gegenüber dem allgemeinen Zustand des amerikanischen Films an den Tag zu legen scheinen. Dass sie zum Anlass für ihren Protest ausgerechnet Hollywoods alljährlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten genommen haben und sich in ihrer Kritik auf die Vergabe der Oscars und die Zusammensetzung der AMPAS konzentrieren, scheint mir in dieser Hinsicht symptomatisch.

Trotz ihres pompösen Namens war die Academy of Motion Picture Arts and Sciences nie ein Hort der reinen Filmkunst. Als Louis B. Mayer  Boss von MGM, und damit einer der mächtigsten Filmmogule seiner Zeit die AMPAS 1926/27 ins Leben rief, war sein erklärtes Ziel, damit die Gründung von Gewerkschaften in der Branche zu verhindern, wobei er auf die Eitelkeit der Filmschaffenden spekulierte, die sich geschmeichelt fühlen würden, einem solch elitären Club anzugehören. Die Academy Awards, welche erstmals 1929 verliehen wurden, dienten einem ähnlichen Zweck. Mayers zynischer Kommentar dazu: "I found that the best way to handle [filmmakers] was to hang medals all over them. […] If I got them cups and awards they’d kill themselves to produce what I wanted." Sein primäres Ziel erreichte Mayer zwar nicht, denn unter den Verhältnissen der Großen Depression kam es in den 30er Jahren auch in Hollywood zu einer deutlichen politischen Radikalisierung und der Bildung von Gewerkschaften, aber die AMPAS erwies sich auch später immer wieder als ein Hort von Opportunismus und Konformismus Während der antikommunistischen Hexenjagd der McCarthy-Ära, als die amerikanische Filmindustrie von allen linken Elementen "gesäubert" wurde, rührte sie keinen Finger, um die verfolgten Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren zu verteidigen. Sie erließ schließlich sogar "a bylaw that prohibited Oscar nominations for anyone who invoked their Fifth Amendment rights in their testimony before HUAC [House Un-American Activities Committee]." Wen wundert's, dass die AMPAS über die Jahrzehnte auch in künstlerischer Hinsicht immer wieder die Rolle einer Lobsängerin der Mittelmäßigkeit gespielt hat? Muss ich daran erinnern, dass die mit den meisten Oscars überschütteten Filme in der Geschichte des Academy Award William Wylers Ben Hur (1959), James Camerons Titanic (1997) und Peter Jacksons Return of the King (2003) sind? Oder dass solche Meister der amerikanischen Filmkunst wie Robert Altman, Charlie Chaplin, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Stanley Kubrick, Fritz Lang, Anthony Mann, Michael Powell, Otto Preminger, Douglas Sirk, Josef von Sternberg, Raoul Walsh und Orson Welles nie auch nur einen einzigen  Regie-Oscar gewonnen haben?

Die altlinke Verdammung von Hollywood als dem Babel der Kulturindustrie, der Fabrik der Lügen war ohne Zweifel einseitig, oberflächlich und nicht selten von einem unangenehmen kulturellen Snobismus und einer quasi-puritanischen Feindschaft gegen Spaß und Unterhaltung geprägt. Doch vieles von dem, was im heutigen Zeitgeist als "radikale" oder "progressive" Kritik gilt, scheint mir in das andere Extrem zu verfallen. Wenn man die Academy nicht deswegen attackiert, weil sie so etwas wie die institutionelle Verkörperung des konformistischen Geistes von Hollywood ist, sondern ausschließlich deshalb, weil man ihre Mitgliederschaft für zu "weiß-männlich" und darüberhinaus für "überaltert" hält, dann legt das nahe, dass man am allgemeinen Zustand des amerikanischen Kinos nichts grundsätzlich auszusetzen hat.
Der folgende Tweet einer engagierten Filmfreundin, über den ich vor einiger Zeit gestolpert bin, scheint mir das Problem sehr prägnant zusammenzufassen: "It's easy to say the Oscars are irrelevant when your gender/ethnicity are always well represented." Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist: Was genau ist hier mit "well represented" gemeint? Habe ich diese Aussage bloß quantitativ oder auch qualitativ zu verstehen? Ist ersteres gemeint, so lässt sich das schwerlich leugnen. Weiße Männer sind im amerikanischen Film immer noch überproportional gut vertreten. Ist jedoch letzteres der Fall, so kann ich mich dieser Einschätzung ganz und gar nicht anschließen. Was die allermeisten heutigen amerikanischen Filme angeht, denke ich, dass fast niemand besonders gut von ihnen "repräsentiert" wird.

Die Schaffung eskapistischer Gegenwelten und die Idealisierung und Romantisierung der Wirklichkeit war natürlich immer ein Teil von Hollywood. Der Begriff "Traumfabrik" ist schließlich nicht ohne Grund geprägt worden. Doch der Abgrund, der zwischen dem amerikanischen Kino und der sozialen Realität klafft, war vielleicht noch nie so tief wie heute. Die Lebenswirklichkeit der überwältigenden Mehrheit der US-Bevölkerung – gleich welchen Geschlechts und welcher Hautfarbe – findet so gut wie keine Widerspiegelung im Film. Kaum ein Drehbuchautor oder Regisseur scheint daran interessiert zu sein, sich eingehender und ernsthafter mit der Welt und den Menschen, die in ihr leben, auseinanderzusetzen. 
Wir brauchen bloß einen Blick auf die Liste der Oscar-Nominierten zu werfen.
Sicher, man hat schon schlimmeres gesehen. Wenigstens finden sich unter den Kandidaten diesmal keine solch abstoßenden Monstrositäten wie Clint Eastwoods American Sniper (2014), Martin Scorseses The Wolf of Wall Street (2013) oder Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty (2012). Und zumindest einige der nominierten Filme verdienen durchaus kritische Anerkennung und Wertschätzung. Doch wenn man sich die Liste vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Zeit betrachtet, dann wird sehr schnell deutlich, dass das amerikanische Kino trotz vereinzelter Lichtblicke im Großen und Ganzen immer noch in seiner selbstzufriedenen Isolation verharrt.

Die Krise der US-Gesellschaft nimmt von Jahr zu Jahr immer schärfere Formen an. Die Geschwindigkeit, in der die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben stattfindet, hat während der Präsidentschaft von Barack Obama noch einmal deutlich zugenommen. Die soziale Polarisation hat Ausmaße erreicht, wie sie das letzte Mal vor einem knappen Jahrhundert bestanden. Während eine winzig kleine Schicht an der Spitze immer obszönere Bereicherungsorgien feiert, versinken immer größere Teile der Bevölkerung in Armut und Elend. Die Börse boomt, die reale Wirtschaft stagniert. Einst blühende Städte wie Detroit, Flint oder San Bernardino haben sich in halbe Zivilisationsruinen verwandelt. Die Mittelklasse, über Jahrzehnte der Garant für "politische Stabilität", schmilzt zusehends zusammen. 
Seit bald fünfzehn Jahren befinden sich die USA in einem Zustand des permanten Krieges, und die Aggressivität des amerikanischen Imperialismus hat nicht nachgelassen. Washington stürzt sich in immer neue neokoloniale Abenteuer und verwüstet dabei ganze Länder, derweil die Gefahr einer offenen Konfrontation zwischen Amerika und seinen internationalen Rivalen China und Russland ständig wächst und die Menschheit in das Inferno eines dritten Weltkriegs zu stürzen droht. 
Nicht weniger arrogant und rücksichtlos geht die herrschende Elite gegen die eigene Bevölkerung vor. Die wachsende Brutalität der immer stärker militarisierten Polizei ist bloß ein Symptom für den schleichenden Übergang zu offen autoritären Herrschaftsformen.
Bei vielen Menschen führt die fortschreitende Fäulnis der kapitalistischen Gesellschaft im Moment noch in erster Linie zu wachsender Frustration und Verzweifelung, unartikulierter Wut und sozialer Entfremdung, die sich in Extremfällen bis zum Ausbruch zielloser, antisozialer Gewalt steigern kann. Doch lassen sich auch erste Anzeichen für den erwachenden Widerstand der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Die Massenproteste gegen Polizeigewalt im letzten Jahr sind dafür nur ein Beispiel.
Auf seine Weise drückt der momentan tobende Vorwahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur den fortgeschrittenen Zustand der Krise recht gut aus. Auf der einen Seite erleben wir mit Donald Trump die Herausbildung einer mehr und mehr offen faschistoiden Fraktion in der herrschenden Elite. Auf der anderen Seite spiegelt der von niemandem vorausgeahnte Erfolg von Bernie Sanders, der sich als "demokratischer Sozialist" und Gegner der Wall Street - Oligarchie geriert, in verzerrter Form die wachsende Radikalisierung ganzer Bevölkerungsschichten wider.

Wenig bis nichts von alldem scheint – in welcher Form auch immer seinen Widerhall in den nominierten Filmen gefunden zu haben, wenn man von The Big Short einmal absieht. {Was selbigen natürlich nicht automatisch zum besten Streifen auf der Liste macht.} Und an diesem Bild würde sich auch nichts ändern, wenn man Beast Of No Nation, Creed und Straight Outta Compton hinzunähme. 
Letzterer enthält zwar einige ziemlich eindringliche Szenen von Polizeigewalt, läuft letztenendes aber auf eine gänzlich konformistische "Erfolgsgeschichte" hinaus, wobei einer kritischen Auseinandersetzung mit dem äußerst widersprüchlichen Phänomen des Gangsta-Rap bewusst aus dem Weg gegangen wird. Wie sich Drehbuchautor Jonathan Herman ausgedrückt hat: "It’s an American Dream story … I guess I just like those stories. Because all these years later we’re still figuring out what … it means to be American."  Damit ähnelt der Streifen in gewisser Hinsicht David O. Russells Joy, dessen Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence für den Oscar nominiert wurde. Auch dieser erzählt eine typische "rags-to-riches" - Story. Aus gutem Grund hat Eric Kohn Joy in seiner Rezension für Indiewire völlig unironisch als "a sunny ode to capitalism" beschrieben. Dass beide Filme dazu einladen, sie als "Erfolgsgeschichten" im Geiste der Identitätspolitik zu lesen (Schwarze Musiker / Eine Frau überwinden alle Hindernisse und gelangen zu Ruhm und Reichtum), scheint mir im gegebenen Zusammenhang nicht ohne Bedeutung zu sein.
Und dabei ist David O. Russell wahrhaftig keiner der schlechtesten amerikanischen Regisseure unserer Zeit. Er besitzt ein gutes Auge für bestimmte Aspekte der US-Gesellschaft und zudem die Fähigkeit, wirklich lebendig wirkende Charaktere zu erschaffen. Filme wie I Heart Huckabees (2004) und The Fighter (2010) legen beredtes Zeugnis von seinem Talent, seinem Einfühlungsvermögen und seiner Humanität ab. Dass sich ein Künstler wie er, der ganz offensichtlich ehrliche Sympathie für die "einfachen Leute" empfindet, dennoch in der alten Lügenmär vom "American Dream" verheddern konnte, kann als Hinweis auf einen der Gründe für die aktuelle Krise des amerikanischen Films dienen.
Den meisten heutigen Filmemachern fehlt die nötige kritische Distanz zur existierenden Gesellschaftsordnung, um sie anders als auf rein impressionistische Weise zu erfassen. Im besten Fall gelingt es ihnen, einzelne ihrer Facetten treffend darzustellen, doch wenn es um Verallgemeinerungen, um das größere Bild geht, scheitern sie meist fürchterlich und tendieren dazu, einfach auf die Ideen oder Vorurteile zurückzugreifen, die in unserer Kultur gerade am weitesten verbreitet sind. Erschwerend hinzu kommt, dass den meisten jede historische Perspektive zu fehlen scheint. Sie versuchen nicht, die gesellschaftliche Wirklichkeit aus ihrer historischen Entwicklung heraus zu begreifen, sondern betrachten den Teilbereich dieser Realität, welchem sie ihre Aufmerksamkeit widmen, entweder losgelöst aus dem geschichtlichen Gesamtzusammenhang, oder – was noch sehr viel verheerender ist – sie sehen in ihm ein Produkt irgendwelcher übergeschichtlichen Faktoren, einen Ausdruck der "menschlichen Natur" oder ähnlicher Hirngespinste.

Die völlig berechtigte Forderung nach größerer Diversität wird nur dann wirklich zu positiven Veränderungen im amerikanischen Film beitragen können, wenn man sie mit einer allgemeineren und tiefergehenderen Kritik am aktuellen Zustand des Hollywood-Kinos verbindet. Und in der Kontroverse um die "All-White Oscars" scheint gerade dies für gewöhnlich nicht zu geschehen.

Samstag, 20. Februar 2016

Strandgut der Woche

Samstag, 13. Februar 2016

Strandgut der Woche

Samstag, 6. Februar 2016

Strandgut der Woche