"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 17. November 2013

Das Epos vom langen Kampf des Hirsches gegen den Ewigen Hass

Ich gehöre zwar zu denen, die immer mal wieder die ungeheure Dominanz der englischsprachigen Sphäre in der Fantasyliteratur beklagen, doch kann ich von mir selbst nicht behaupten, bereits sonderlich viele Genrebücher aus anderen Sprachkreisen gelesen zu haben. Und Grund hierfür sind sicher nicht nur meine mangelnden Fremdsprachenkenntnisse. Nachdem ich vor einigen  Monaten im Blog der Bibliotheka Phantastika Gerd Rotteneckers Artikel zum 55. Geburtstag der argentinischen Schriftstellerin Liliana Bodoc gelesen hatte, entschied ich mich deshalb, diesem Makel endlich einmal bewusst entgegenzuwirken und mir die 2008/09 bei Suhrkamp erschienene Übersetzung der Saga de los Confines (Grenzländersaga) zuzulegen. Zumal das, was Gerd über sie zu berichten hatte, recht interessant klang. Ich habe es nicht bereut.

Die Trilogie ist stark von der Kultur und den Mythen der indianischen Ureinwohner Süd- und Mittelamerikas geprägt und erzählt in gewisser Weise eine phantastische Version der Conquista, die hier freilich etwas anders verläuft und endet als ihr historisches Vorbild.
Ort der Handlung sind die "Fruchtbaren Länder", Heimat von vier recht unterschiedlichen Völkern: Dem kriegerischen Jägervolk der Husihuilke; den nomadisierenden "Hirten"; den Ackerbau betreibenden Zitzahay, deren Dörfer sich rund um die heilige Metropole Beleram gruppieren; und den Sonnenherren, deren städtische Hochkultur von einer stolzen und hochmütigen Adelskaste beherrscht wird.
Als die Astronomen von Beleram beunruhigende Vorzeichen entdecken, die auf gewaltige Ereignisse hindeuten, welche das Leben in den "Fruchtbaren Ländern" für immer verändern werden, rufen sie Abgesandte aller Völker in der heiligen Stadt zusammen. Über das Meer  im Osten nähert sich eine aus den "Alten Ländern" kommende Flotte von Schiffen. Handelt es sich um die Rückkehr der friedvollen Borier, die vor langer Zeit schon einmal den Kontinent besuchten, oder steht die prophezeite Ankunft der Soldaten des Misaianes bevor, des Ewigen Hasses, der den Großteil der "Alten Länder" beherrscht? Wie sich sehr schnell herausstellt, sind die schwarzgekleideten Männer, die auf seltsamen "Tieren mit Mähne" reitend die Schiffe verlassen, in der Tat die Gefolgsleute des Misaianes. Und die in Eisen gehüllten Sideresier (1) mit ihren fürchterlichen feuerspuckenden Waffen kennen nur ein Ziel: Unter der Führung des Magiers und "Doktrinators" Drimus (2) die "Fruchtbaren Länder" zu erobern, ihre Bewohner zu versklaven und den ganzen Kontinent der perversen Ordnung ihres Herrn zu unterwerfen. So beginnt der lange Kampf zwischen dem "Hirsch" – der vereinten Streitmacht der "Fruchtbaren Länder" – und dem Ewigen Hass. Ein Krieg, der Jahre dauern und an den unterschiedlichsten Fronten geführt werden wird. Denn dies ist nur die erste Flotte des Misaianes, der mit dem Sonnenherrn Molitzmos außerdem einen heimlichen Verbündeten auf Seiten des "Hirsches" besitzt.

Was den besonderen Reiz der Grenzländersaga ausmacht sind vor allem Sprache und Stil. Natürlich habe ich keine Ahnung, wie genau Übersetzer Matthias Strobel den Ton Liliana Bodocs getroffen hat. Doch gibt es für mich keinen Grund, anzuzweifeln, dass ihm dies sehr gut gelungen ist. Zu Beginn wirkt der Stil vielleicht etwas ungewohnt und spröde, doch nachdem man sich ein wenig eingelesen hat, entfaltet er schon bald seinen ganz eigenen poetischen Zauber. Zwei {miteinander verknüpfte} Charakterzüge möchte ich dabei besonders hervorheben:
Zum einen ist es Bodoc erstaunlich gut gelungen, ihrer Erzählung das Flair einer authentischen mythisch-heldenepischen Dichtung zu verleihen. Dabei spielen solche, dem Leser zuerst einmal vielleicht etwas befremdlich vorkommenden Stilelemente wie die zum Teil sprunghafte Handlungsführung, das mitunter knappe Zusammenfassen eigentlich wichtiger Ereignisse, die wörtliche Wiederholung einzelner Passagen und das Einflechten kleiner Nebenhandlungen, die für das Fortschreiten des Plots im Grunde keine Bedeutung haben und in denen oft Liebesbeziehungen im Zentrum stehen, eine wichtige Rolle. Mehr als einmal fühlte ich mich während des Lesens an Werke wie das ossetische Epos von den Kindern der Sonne erinnert.
Zum anderen vermittelt die Grenzländersaga einen äußerst lebendigen Eindruck von der Weltsicht der Husihuilke. Und das nicht, indem uns deren Religion, Kultur und Lebensphilosophie im Detail dargelegt würde. Vielmehr ist die Erzählung selbst, bis in ihre Sprache hinein, durchtränkt von einer Weltanschauung, die die gesamte Natur als belebt und beseelt wahrnimmt. Anders ausgedrückt: Die Erzählerin der Saga ist selbst eine Bewohnerin der "Fruchtbaren Länder". Sie ist keine handelnde Person. Sie erzählt von Ereignissen, die sich in ferner Vergangenheit abgespielt haben  Doch sie tut dies im Geiste der Menschen, von deren Schicksal und Taten sie berichtet.

Normalerweise reagiere ich äußerst allergisch auf alle Versuche, das idealisierte Bild eines "Naturvolkes" als positive Alternative der ach so bösen europäischen Moderne gegenüberzustellen. Und die Grenzländersaga enthält ohne Zweifel etwas davon. Die Husihuilke und Zitzahay werden uns als Völker präsentiert, die im Einklang mit "der Erde" leben und alle Kreaturen als gleichberechtigt betrachten. Seinen interessantesten Ausdruck findet dies in den schamananhaften Erdzauberern, die ihre Kräfte offenbar aus einer Art "Verschmelzung" mit der Natur gewinnen. Die Sideresier andererseits sind die Vertreter einer als widernatürlich und lebensfeindlich beschriebenen Ordnung.
Überraschenderweise hat mich dies dennoch kaum gestört. Ja, dieses Element ist vorhanden, und es hat mich nicht wirklich gewundert, zu erfahren, dass eine der Inspirationsquellen der Autorin die Schriften Mircea Eliades gewesen sind. Wer sich etwas genauer mit der Materie auskennt, würde vermutlich noch sehr viel deutlichere Spuren des Denkens des erzreaktionären Religionsphilosophen und Eisernen Legionärs in der Erzählung finden können, als mir das möglich gewesen ist. Dies sorgte zwar ab und für kleinere Irritationen, konnte mir das Lesevergnügen aber trotzdem nie ernsthaft vergällen. Grund hierfür ist der authentische Eindruck, den die Grenzländersaga auf mich gemacht hat. Bücher, Filme und andere Kunstwerke, die einen solchen Gegensatz zwischen "Natur" und "Moderne" postulieren, hinterlassen bei mir für gewöhnlich das Gefühl, es mit den Hervorbringungen eines zivilisationsmüden, westlich gebildeten Intellektuellen zu tun zu haben, der sich Versatzstücke aus allen möglichen Kulturen, Religionen und Philosophien der Vergangenheit zusammenklaubt, um die eigene innere Leere zu füllen, was in meinen Augen meist künstlich, oberflächlich und irgendwie ziemlich erbärmlich wirkt.(3) Ganz anders Liliana Bodocs Epos. Hier hatte ich den Eindruck, dem Lebensgefühl und der Weltsicht eines realen, lebendigen Volkes zu begegnen. Natürlich sind die Husihuilke eine Erfindung der Autorin, aber sie wirken nicht wie das romantische Traumprodukt einer Schriftstellerin des 20./21. Jahrhunderts. Sie wirken echt.
Verantwortlich hierfür dürfte – von Bodocs erzählerischem Talent einmal abgesehen – der Umstand sein, dass die Autorin einen Großteil ihrer Inspiration aus authentischen Quellen wie dem Popol Vuh der Quiché-Maya (4) oder den Gedichten des Acolhua-Königs Nezahualcóyotl (1402-1472) (5) bezogen hat.

Eine ähnliche, leicht ambivalent Haltung habe ich auch gegenüber Liliana Bodocs Darstellung der Invasion Mittel- und Südamerikas durch die Spanier. Dieser historische Hintergrund verleiht der Grenzländersaga einen Gutteil ihrer Faszination, doch ist er zugleich nicht ganz unproblematisch. Reale historische Ereignisse als Vorbild für ein Fantasyepos zu verwenden, bei dem der klassische Kampf zwischen Gut und Böse im Zentrum steht, birgt die Gefahr, dass wir diese simplistische Sichtweise, die im Rahmen einer "mythischen" Erzählung völlig in Ordnung ist, im Umkehrschluss auf die reale Geschichte übertragen. Und bei einem so blutigen und tragischen Ereignis wie der Conquista ist die Versuchung hierfür sicher besonders groß. Doch käme man damit einem Verständnis der objektiven Bedeutung dieser Ereignisse keinen Schritt näher.
Die Conquista, die Ausplünderung Amerikas und die Versklavung und Ermordung der Ureinwohner waren wichtige Etappen jenes historischen Prozesses, welcher zur Geburt des Kapitalismus führte. Um Karl Marx' berühmte Schilderung der "sogenannten ursprünglichen Akkumulation" zu zitieren:
Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.
Das Kapital betrat die Bühne der Weltgeschichte "von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend." (6) Doch so grausam und abstoßend dieser Prozess auch war, er verkörperte in letzter Konsequenz den geschichtlichen Fortschritt. Ihn einfach bloß als verbrecherisch zu verdammen oder sich zu wünschen, dass Kolumbus nie in Mittelamerika angekommen wäre, halte ich deshalb für sehr kurzsichtig. Im Verlaufe dieser Entwicklung wurden die ökonomischen Grundlagen geschaffen, auf denen sich schließlich die moderne Industrie und die demokratischen Revolutionen entwickeln konnten. Das macht Verbrechen wie die der Conquista natürlich nicht weniger monströs und verachtenswert. Aber es sollte einem doch zeigen, wie inadäquat es wäre, dem Ganzen ein manichäisches Interpretationsschema überzustülpen.

Was die Grenzländersaga letztlich vor dieser Art von Kritik bewahrt, ist der Umstand, dass die Invasion der "Fruchtbaren Länder" trotz zahlreicher Anspielungen auf die historische Realität letztenendes eben nicht die Conquista ist. Die Sideresier mögen auf Pferden reiten und ihre Gemetzel mit Hilfe von Schwertern, Musketen und Kanonen veranstalten, dennoch unterscheiden sie sich in vielem von Cortéz, Pizarro und ihren plündernden Horden. Das wird spätestens dann sehr deutlich, wenn die "Alten Länder" zum Schausplatz eines zweiten Handlungsstranges werden, in dem es um die beginnende Rebellion gegen den Misaianes geht. Denn während Lebensweise und Kultur der Völker der "Fruchtbaren Länder" in zahlreichen Details sehr genau der Realität im präkolumbischen Amerika nachgebildet sind, erinnern die Verhältnisse im Reich des Ewigen Hasses ganz und gar nicht denen im Europa des 15./16. Jahrhunderts.

Für was genau steht der Misaianes?
Ich bin den Verdacht nie ganz losgeworden, dass manches an seiner Gestalt Assoziationen zum Christentum wecken soll. Zwar ist sein Name aus den griechischen Wörtern für "hassen" ("miseo") und "ewig" ("aion") zusammengesetzt, doch erinnert er nicht ein wenig an "Messias"? Auch ist er durch eine Art Jungfrauengeburt auf die Welt gekommen, auch wenn seine Mutter nicht Maria die Magd Gottes, sondern "die Todbringende" (die weibliche Inkarnation des Todes) ist. {Welche nebenbeibemerkt eine wichtige Rolle im zweiten und dritten Band des Epos spielt.} Die Sideresier sprechen von ihm als "dem Herrn", was mich immer wieder an den christlichen Kyrios/Dominus denken ließ. Und Drimus' Titel "Doktrinator" legt nahe, dass die Eroberung der "Fruchtbaren Länder" gleichzeitig als die Verbreitug einer "Lehre" zu verstehen ist.
Denkt man an die wenig rühmliche Rolle, die das Christentum in der Conquista gespielt hat, scheint es nicht gar zu abwegig, eine solche Verbindung herzustellen. Aber selbst wenn Liliana Bodoc dies tatsächlich beabsichtigt haben sollte, verkörpert der Misaianes in erster Linie doch etwas sehr viel allgemeineres: Schrankenlose Tyrannei und absolute Verachtung für das Leben, die Natur und die Würde des Menschen. Die allermeisten seiner Untertanen sind zu bloßen Arbeitssklaven degradiert worden, denen man ihre Individualität und alle wirklich menschlichen Empfindungen geraubt hat. Sein Reich wirkt wie eine Mischung aus totalitärer Dystopie und Tolkiens Mordor. Ganz wie das Schwarze Land ist auch die Region um den Berg des Misaianes eine tote Einöde.

Und damit kommen wir zum letzten wichtigen Punkt. Neben vielem anderen ist die Grenzländersaga nämlich auch als eine Art Gegenentwurf zur klassischen, tolkienesken High Fantasy konzipiert. Liliana Bodoc hat dies in Interviews deutlich zum Ausdruck gebracht:
Frage: Sie werden immer wieder auf J.R.R. Tolkien angesprochen. Lassen sich Ihr Werk und Der Herr der Ringe vergleichen?
Antwort: Tolkiens Epos ist in einer entgegengesetzten Realität verankert, es ist ein europäisches Epos, eurozentrisch und monarchistisch. Sein Werk und meines verkörpern zwei unterschiedliche Weltbilder: Tolkien schreibt aus der Sicht der Mächtigen, ich vom Standpunkt der Unterworfenen.
Oberflächlich betrachtet weist die Grenzländersaga durchaus Parallelen zur tolkiensken Fantasy auf. Schließlich geht es auch in ihr um einen großen Krieg zwischen Gut und Böse, von dessen Ausgang das Schicksal der Welt abhängt. Und der Misaianes ist in vielem ein typischer Dunkler Herrscher nach dem Vorbild des alten Sauron. Dennoch sind die Unterschiede augenfällig.
Ein zentrales Motiv in der Grenzländersaga ist die Spaltung der Magie in die Bruderschaft des Frieds und die Bruderschaft der Freien Luft. Erstere glaubt, dass die Weisen das Recht und die Pflicht hätten, über die übrigen Kreaturen zu deren Bestem zu herrschen. Letztere sieht alle Kreaturen als gleichberechtigt an und glaubt, dass die Weisen Diener und Helfer ihrer Mitgeschöpfe sein sollten.
Die Philosophie des Frieds ist im Grunde auch die Philosophie der tolkienschen Fantasy. Mittelerde steckt voller "natürlicher" Hierarchien, an deren Spitze edle und weise Autoritäten stehen, deren Aufgabe es ist, die ihnen Unterstellten zu leiten und zu beschützen. Merry bringt dies im dritten Band des Herr der Ringe auf den Punkt, wenn er sagt:  
Es ist am besten, wenn man zuerst liebt, was zu lieben einem angemessen ist, nehme ich an: man muss irgendwo beginnen und Wurzeln haben, und der Boden des Auenlandes ist tief. Doch gibt es noch tiefere und höhere Lebewesen; und kein Ohm könnte in Frieden, wie er es nennt, seinen Garten bestellen, wenn sie nicht wären, ob er nun von ihnen weiß oder nicht. (7)
Bei Liliana Bodoc sind es gerade die Magier des Frieds, die sich dem Misaianes unterworfen haben {Drimus ist einer von ihnen}, während die Magier der "Fruchtbaren Länder" aunahmslos der Bruderschaft der Freien Luft angehören.
Interessanterweise allerdings verwirft die Autorin den Fried nicht einfach als "böse". Sie macht zwar deutlich, wie leicht  diese Philosophie zur Legitimation einer tyrannischen Herrschaft und zur Verachtung des "Pöbels" führen kann, doch sie schließt nicht aus, dass es unter ihren Anhängern auch Personen geben könnte, die ihre Pflicht gegenüber den ihnen "anvertrauten" wirklich ernst nehmen. So ist das Hirn hinter der beginnenden Revolte gegen den Misaianes der Magier Zoras, selbst ein Mitglied der Bruderschaft des Frieds. Wohl nicht zufällig spielt bei seinem Plan das Motiv des "Auserwähltseins" eine zentrale Rolle, gehört selbiges doch zum Grundbestand der tolkienesken Fantasy und ist selbst Ausdruck der ihr innewohnenden autoritären Tendenz. Zoras "kreiert" mit seinen Kindern Vara und Aro zwei "Auserwählte", die den Aufstand anführen sollen. Der Verlauf der Rebellion freilich untergräbt schließlich sein ursprüngliches Ziel. Denn statt die Wiedergeburt einer "reinen" Bruderschaft des Frieds herbeizuführen, wendet sich Aro mehr und mehr von den Lehren seines Vaters ab und dem Ideal der Gleichheit zu. Der Kampf für die Freiheit verträgt sich eben nicht mit der Idee einer "allwissenden" Elite.
Auch die Haupthandlung in den "Fruchtbaren Ländern" enthält eine deutliche Kritik an den klassischen Formen der tolkienesken Hight Fantasy. Der Großteil der Streitmacht des "Hirsches" besteht aus den Husihuilke, deren Gesellschaft zwar Autoritätspersonen (die Ältesten, die Erdzauberer, den von den Ältesten eingesetzten Befehlshaber), aber keine strengen Hierarchien kennt. Der Geist, der sie beseelt, ist nicht der des Gehorsams {obwohl in ihrem Heer eine strenge Disziplin herrscht}, sondern der der Soldarität. Ganz anders sieht es beim Volk der Sonnenherren aus, das seit Urzeiten von zwei rivalisierenden Adelshäusern beherrscht wird. Um diese zum Kampf gegen die Siderersier zu vereinen, sorgt die kluge, willensstarke und rücksichtslose Acila dafür, dass ein Thronerbe geboren wird, in dem die beiden Blutlinien zusammenfließen. Damit wird das Motiv der "Rückkehr des Königs" in die Grenzländersaga eingeführt. Doch tritt dabei an die Stelle des edlen und heldenhaften Aragorn der kränkliche Säugling Yocoya-Tzin. Weder er noch die Vertreter der beiden Adelshäuser tragen irgendetwas substanzielles zum Kampf bei. Die Truppen der Sonnenherren werden in Wirklichkeit von "dem Schmied", einem Handwerker und Soldaten, angeführt. Die abschließende Inthronisation Yocoya-Tzins ist darum auch keine Wiederherstellung der guten Ordnung wie Aragorns Thronbesteigung im Herr der Ringe. Das Ritual verdeutlicht vielmehr, dass trotz des Sieges über die Sideresier hier eine auf krasser Ungleichheit basierende Herrschaft erneuert wird. Entsprechend desillusioniert zeigt sich der Husihuilke-Krieger Thungür, der der eigentliche Anführer der Streitmacht des "Hirsches" gewesen war:
[A]ls Husihuilke habe ich gelernt, dass die Erde eins ist. Und dass mit der Freiheit der einen auch die Freiheit der anderen fällt. Trotzdem hat sich etwas in meinem Herzen verändert. Ich habe gesehen, wie die Sonnenherren die Finger zählten, mit denen sie die Krone hielten, während die Krieger, die tapfer gekämpft haben, zusammengedrängt aus der Ferne zuschauen mussten. Es war ein bitterer Tag für mich, und daher sage ich [...]: Wenn Misaianes zurückkehrt, werde ich nur noch für den Süden [die Heimat der Husihuilke] kämpfen, den ich liebe, nur noch im Namen meines Volkes. (8) 
Gerd Rottenecker schreibt, dass all die Qualitäten von Liliana Bodocs Roman nicht ausgereicht hätten, "um aus der Grenzländersaga in Deutschland mehr als einen Achtungserfolg zu machen. Was darauf hindeuten könnte, dass die deutschsprachigen Fantasyleser und -leserinnen mit allzuviel Exotik und zu deutlichen Abweichungen von den üblichen Erzählkonventionen mehrheitlich eben doch nicht so richtig was anfangen können." Dem mag leider so sein.  Doch man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Und so wäre es sehr erfreulich, wenn sich mit der Zeit doch noch ein paar mehr Leserinnen und Leser für die Grenzländersga begeistern würden. Zumal wir hierzulande ja nicht eben mit einer Unmenge an Fantasybüchern gesegnet sind, die nicht aus dem Englischen stammen und eine Alternative zu den üblichen Konventionen des Genres darstellen.
  

PS: Bei El Arte des Los Confines finden sich reihenweise sehr schöner Illustrationen zu Liliana Bodocs Epos. Wer wissen möchte, wie die Husihuilke-Krieger, die Lulus, Nanahuatli, Kupuka, der Falkenzauberer, der Kauer, Molitzmos, Nakin von den Eulen, Acila, Drimus, Wilkilen, Thungür, Kush oder Dulkancellin aussehen {könnten}, sollte da unbedingt mal reinschauen.


(1)  Von "Sidero" = Eisen, eiserne Waffe, Schwert. Vgl. den Glossar auf der Webseite grenzlaendersaga.de
(2) Die grotesk bucklige Gestalt des Drimus könnte eine Anspielung auf Hérnan Cortéz sein, der angeblich einen vergleichbaren köperlichen Makel besessen haben soll. Vgl. die Darstellung des berüchtigten Conquistadors in Diego Riveras Wandgemälde im Palacio Nacional de Mexico. 
 (3) Ich habe mir selbst vor Zeiten einmal eine Privatreligion aus Brocken muslimisch-sufistischer, hinduistischer und buddhistischer Spiritualität und Philosophie zusammengebraut, spreche da also ein Bisschen aus eigener Erfahrung.
(4) So stammt z.B. der Name "Zabralkan" aus der Legende von den Göttlichen Zwillingen im fünften Kapitel des ersten Teils des Popol Vuh. Wer sich für eine englische Übersetzung des gesamten heiligen Textes interessiert, findet eine solche hier, hier und hier.
(5) Einige der Gedichte Nezahualcóyotls kann man hier im Original (Nahuatl) und in englischer Übersetzung lesen oder sich hier von John Curl vortragen lassen. 
(6) Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. S. 779 & 788.
(7) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. III. S. 164f.
(8) Liliana Bodoc: Die Grenzländersaga. Bd. III: Die Tage des Feuers. S. 477. 

Kommentare:

  1. Die Übersetzung mal mit dem spanischen Original zu vergleichen ist eine Idee, die mir auch schon ein paar Mal durch den Kopf ging. Ich kenne die Übersetzung nämlich noch nicht, habe es aber sehr genossen, die ersten zwei Bände im Original zu lesen.

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  2. Ich könnte einen solchen Vergleich dank mangelnder Spanischkenntnisse ja überhaupt nicht durchführen. Falls du irgendwann einmal die Möglichkeit dazu haben solltest, würde mich dein Eindruck auf jedenfall interessieren. Ich kann nur sagen, dass ich Matthias Strobels Übersetzung sehr ansprechend gefunden habe.

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  3. Sehr schöner Artikel, der mW die erste ausführliche Auseinandersetzung mit der Grenzländersaga im deutschen Sprachraum darstellt! Und natürlich freue ich mich, dass mein Geburtstagstext zu Liliana Bodoc dich dazu inspiriert hat, dich mit der Trilogie zu befassen. Das Bizarre ist ja, dass immer wieder beklagt wird, dass so wenig originelle Fantasy erscheint - und wenn dann mal ein Werk bei uns auf den Markt kommt, dass sich wirklich ein bisschen mehr vom deutschen oder anglo-amerikanischen Mainstream unterscheidet, dann liest das entweder keine Sau, oder aber man beklagt sich darüber, dass die vom bisherigen Lesestoff geprägte Erwartungshaltung nicht erfüllt wird.

    Als die Saga de los Confines bei Suhrkamp erschienen ist, habe ich wirklich einen kurzen Moment lang geglaubt, dass die Fantasy jetzt tatsächlich das Ghetto verlassen würde, in dem sie sich vor allem im deutschsprachigen Raum mMn immer noch größtenteils befindet. Immerhin hat Suhrkamp die Saga als das bezeichnet, was sie ist (während man früher in literarischen Verlagen Fantasy gerne "versteckt" herausgegeben hat) und ihr eine eigene HP spendiert. Von daher ist es umso bedauerlicher, dass das Ganze afaik nur sehr begrenzt erfolgreich war. Denn damit sinken vermutlich die Chancen, dass weitere, ein bisschen ungewöhnlichere Fantasyromane oder -zyklen den Weg nach Deutschland finden, noch ein bisschen mehr. Was dann wieder zu den üblichen Klagen führen wird ...

    @ Anubis:

    Ich fände es auch spannend, wenn du irgendwann einmal etwas zur Übersetzung sagen bzw. schreiben würdest, denn mein Spanisch reicht noch nicht einmal annähernd aus, einen literarischen Text lesen oder gar würdigen (und einordnen) zu können. (Ein bisschen beneide ich dich ja um deine Spanischkenntnisse, denn es gibt da noch mehr Sachen, die mich interessieren. Andererseits gibt's davon auch auf Englisch noch mehr als genug.)

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  4. "Immerhin hat Suhrkamp die Saga als das bezeichnet, was sie ist (während man früher in literarischen Verlagen Fantasy gerne "versteckt" herausgegeben hat) und ihr eine eigene HP spendiert."

    Da stimme ich dir vollkommen zu, doch musste man im ersten Band unbedingt folgendes Zitat aus "La Nación" abdrucken: "Wer Harry Potter liebt und den Herr der Ringe verschlungen hat, wird sich mit der Grenzländersaga in der überreichen Welt der südamerikanischen Legenden und Mythen verlieren"???
    Den Vergleich mit Tolkien kann ich hier ausnahmsweise ja sogar mal verstehen, aber der Töpferjunge?? Das sind doch nun wirklich zwei völlig verschiedene Welten.

    Nebenbei bemerkt: Ich fand es erstaunlich, dass die Trilogie von Suhrkamp herausgegeben wurde. Ich dachte immer, die hätten sich inzwischen mehr oder weniger von der Phantastik abgewandt. War mein Eindruck da falsch?

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  5. 2011 ist bei Suhrkamp noch Das Auge des Drachen von Bernardo Fernández, einem mexikanischen Autor, erschienen. Eine ganz andere Art von Fantasy als die Grenzländersaga, aber immerhin. Allerdings ist das Buch meinem Eindruck nach in Deutschland sang- und klanglos untergegangen (war auch nicht so gut wie Bodocs Trilogie, muss man dazu sagen). Vielleicht hat das ja etwaigen Ambitionen Suhrkamps, ins Fantasygeschäft einzusteigen, ein vorzeitiges Ende bereitet? Ich weiß es nicht.

    Witzig, dass du das Zitat aus La Nación erwähnst, Raskolnik. Ich habe nämlich gerade mal in deren Online-Archiv gestöbert und das Zitat dort nicht gefunden. In einer der Bodoc-Rezensionen in La Nación hätte man allerdings einen sehr viel passenderen Blurb finden können, der Bodoc mit Doris Lessing, Ursula K. Le Guin und Patricia A. McKillip vergleicht ...

    (Nebenbei habe ich ein schönes Zitat von Angélica Gorodischer gefunden: »Man weiß nie, worüber man schreibt. Wenn ich es wüsste, wäre mein Psychoanalytiker arbeitslos.« Sagt sie vor dem Hintergrund dessen, dass ihr nicht bewusst gewesen sei, mit Kalpa Imperial über die argentinische Militärdiktatur geschrieben zu haben, bis das Buch fertig war – und nicht erscheinen durfte.)

    Mal gucken, vielleicht lese ich die Trilogie irgendwann mal auf Deutsch und kann dann was zur Übersetzung sagen. Das Problem ist allerdings, dass seit meinem Lateinamerika-Aufenthalt 2009/10 immer noch ein großer Teil meiner Bibliothek auf dem Dachboden meiner Eltern lagert, und da müssten auch die ersten beiden spanischen Bodoc-Bände sein. *seufz*

    @gero:

    Hast du Lust, ein paar Namen von spanischsprachigen Autor_innen zu nennen, die dich interessieren? Wäre für mich auch sehr spannend.

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  6. Danke für die Info über Bernardo Fernández, auch wenn ich mich dem in näherer Zukunft sicher nicht widmen werde. Es gibt einfach zuviel, was erst einmal gelesen werden muss.

    Das Zitat von Angélica Gorodischer ist wirklich klasse. Das werde ich sicher mal irgendwo verwenden. :)

    Was die Sache mit La Nación angeht: Ist schon merkwürdig, dass sich das im Original nicht finden lässt. Ich fand den Vergleich mit Harry Potter halt einfach bloß äußerst bizarr. Le Guin und McKillip machen da da schon mehr Sinn.

    Und nur so nebenbei: Mir geht’s mit meiner Bibliothek ganz ähnlich. Seit ich vor zwei Jahren Hals über Kopf mein Mainzer Domizil verlassen und mein Exil in den Wäldern beziehen musste, lagert der Großteil in unzähligen Bananenkisten im Keller. Da etwas zu finden, gleicht jedesmal einer herkulischen Großtat.

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