"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Montag, 27. Mai 2013

Doppel-Geburtstag

Nachdem wir gestern des hundertsten Geburtstags von Peter Cushing gedenken konnten, sind heute Christopher Lee und Vincent Price an der Reihe. Denn bizzarerweise erblickten die zwei bekanntesten Vertreter des Horrorfilms der 60er und 70er Jahre beide an einem 27. Mai das Licht der Welt. Mögen Okkultisten und Astrologen aus dieser Tatssache herauslesen, was sie wollen ...

Christopher Lee hat mit dem heutigen Tag das stolze Alter von einundneunzig Jahren erreicht: Herzlichen Glückwunsch!
Vincent Price wäre einhundertundzwei Jahre alt geworden: Wir werden dich nie vergessen!

Zu diesem feierlichen Anlass habe ich mich in die unendlichen Katakomben von Youtube begeben, um ein paar angemessene Clips hervorzukramen. Meine Wahl ist auf die folgenden drei gefallen:

Zuerst einmal trägt Sir Christopher zwei Gedichte aus J.R.R. Tolkiens Fellowship of the Ring vor: Riddle of Strider und Boromir's Riddle. Beide Aufnahmen stammen aus The Lord of the Rings: Complete Songs & Poems des Tolkien Ensembles:



Und dann dürfen wir Vincent Price als Gast der Muppet Show erleben:


Sonntag, 26. Mai 2013

Ein Toast auf den Gentleman des Horrors

Statt des geplanten Sektes ist es nun zwar doch Rotwein geworden, dennoch erhebe ich hiermit voll Dankbarkeit mein Glas auf den großartigen Peter Cushing, der heute seinen einhundertsten Geburtstag hätte feiern können! Was wäre der phantastische Film der 60er und 70er Jahre ohne ihn?
Meine kleine Gedenkwoche zu seinen Ehren ist zwar um einen Film kürzer ausgefallen, als ich ursprünglich geplant hatte, doch gedenke ich, die Besprechung von Nineteen Eighty-Four alsbald nachzuliefern. Wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle, soll sie zugleich den Anfang einer kleinen Reihe über die Highlights aus Nigel Kneales Oeuvre bilden.
Wer mehr über Peter Cushing und die Filme, in denen er mitgewirkt hat, erfahren will, der statte Mr. Jim Moons Bibliothek der Träume einen Besuch ab. Denn auch in Hypnogoria Towers steigt heute eine Geburtstagsparty zu seinen Ehren.

Das Böse in Köpfen und Herzen

Der Cushing-Woche vierter Teil

Nachdem uns Hammer mit The Satanic Rites of Dracula eine so große Enttäuschung bereitet hat, scheint nunmehr der richtige Moment gekommen, um sich einem Werk aus der großen Konkurrenzschmiede Amicus zuzuwenden. Bei deren Portmanteau-Filmen liegt man eigentlich nie falsch. Selbst der groteske Nachzügler The Monster Club (1980) vermag mit wenigstens einer guten Episode (The Ghouls) aufzuwarten. Peter Cushing trat in fünf der acht Filme auf: Dr. Terror's House of Horrors (1964), Torture Garden (1967), The House That Dripped Blood (1970), Tales from the Crypt (1972) und From Beyond the Grave (1973). Den ersten, dritten und fünften habe ich hier bereits vor Zeiten einmal besprochen {auch wenn ich heute wohlwollender über Dr. Terror's urteilen würde}, und so habe ich mich entschieden, im Rahmen meiner Cushing-Gedenkwoche Torture Garden vorzustellen, obwohl der große Schauspieler darin nur einen relativ kurzen Auftritt hat.

Wie bei einer recht erklecklichen Anzahl von Brit-Horror-Streifen führte auch in Amicus' zweitem Episodenfilm Freddie Francis die  Regie. Das Drehbuch stammte aus der Feder des alten Lovecraft-Kumpels und Psycho-Autors Robert Bloch, der dieselbe Aufgabe auch bei The House That Dripped Blood (1970) und Asylum (1972) übernehmen sollte. Was die Besetzung angeht, so bewies Milton Subotsky einmal mehr sein geradezu unheimliches Geschick, wenn es darum ging, reihenweise talentierte Schauspieler & Schauspielerinnen für die Mitarbeit an seinen Horrorflicks zu gewinnen. Neben Cushing glänzen u.a. Jack Palance, Beverly Adams, Michael Bryant und Burgess Meredith {ja, der "Penguin"}.
Wenn die Kommentare auf IMDB irgendwie repräsentativ sind, dann scheint die Meinung vorzuherrschen, dass Torture Garden zwar recht passabel, aber keiner der besten Portmanteau-Streifen von Amicus sei. Zugegeben, perfekt ist er sicher nicht, aber anders als bei einigen anderen gibt es für mich auch keinen richtigen Absacker unter den vier Stories. Mit dieser Ansicht scheine ich allerdings ziemlich alleine dazustehen. Nun denn, schaun wir uns einmal etwas genauer an, was der Film zu bieten hat:

Die Rahmenhandlung kann beinahe als ein gleichwertiger Teil des Ganzen gelten. Und sie zumindest ist {mit Ausnahme der finalen Wendung} ziemlich genial. Der mysteriöse Schausteller Dr. Diabolo lockt mit dem Versprechen nie gekannter Schrecken eine Gruppe von drei Männern und zwei Frauen in den "exklusiven" Bereich seines "Foltergartens", einer Art Kuriositätenkabinetts des Makabren. Dort finden die fünf eine Wachsfigur der Schicksalsgöttin Atropos, von der ihr Gastgeber behauptet, sie besitze die Fähigkeit, einem jeden Menschen den dunkelsten Teil seiner Seele zu offenbaren. Wer genug Mut besitze, könne mit ihrer Hilfe nicht nur die Wahrheit über die eigenen bösen Impulse erfahren, sondern außerdem einen Blick in die Zukunft werfen, um zu sehen, welches Schicksal ihn erwartet, falls er ihnen nachgibt. Die fünf begegnen diesen fantastischen Ankündigungen mit einer Mischung aus Skepsis, Ironie und Neugier. Doch es dauert nicht lange, und sie müssen einer nach dem anderen erleben, dass ein Blick auf Atropos' Schere des Schicksals ihnen in der Tat beängstigendes offenbart.
Die Szene wird völlig beherrscht von einem Burgess Meredith in Höchstform, der offenbar einen Höllenspaß an seiner Rolle als Dr. Diabolo hatte. Dabei kontrastiert sein Spiel sehr schön mit dem stoisch-ironischen Auftreten von Jack Palance, der für den Großteil des Films nichts anderes macht, als stumm seine Pfeife zu rauchen und scheinbar amüsiert das fantastische Treiben zu beobachten. Auch er freilich wird noch seinen Moment der Wahrheit erleben ...

In der ersten Story "Enoch" erleben wir, wie Colin Williams (Michael Bryant) das Ableben seines todkranken Onkels ein wenig beschleunigt, um sich in den Besitz von dessen scheinbar nicht unerheblichem Vermögen zu setzen. Dummerweise stellt sich sehr schnell heraus, dass besagter Reichtum eine recht ungewöhnliche Quelle hatte: Den in Gestalt einer Katze auftretenden Dämon Balthazar. Im Austausch gegen eine Truhe voller Goldmünzen zwingt dieser Colin dazu, Menschen zu töten und ihnen die Köpfe abzuschlagen. Offenbar das Leib- und Magengericht des gierigen felinen Ungeheuers.
Als besonders originell wird man die Geschichte sicher nicht bezeichnen können. Die Klischees kommen vielmehr knüppeldick. Um so erstaunlicher, dass sie dennoch einige wirklich intensive und beeindruckende Szenen zu bieten hat. Verantwortlich dafür ist zum einen Bryant, der den Absturz in den Wahnsinn recht überzeugend mimt, zum anderen die Katze. Ja, Freddie Francis und Kameramann Norman Warwick gelingt es tatsächlich, einer schwarzen Katze – diesem nun wirklich nicht neuen Symbol für satanische Mächte – etwas beängstigend bösartiges zu verleihen.

Das phantastische Element in "Terror over Hollywood" hingegen wirkt eher lächerlich, dafür ist die Geschichte eine nekische, wenn auch kaum besonders tiefgründige, Satire auf Starkult und Filmindustrie. Die ehrgeizige junge Carla (Beverly Adams) ist nach eigener Aussage zu allem bereit, um in Hollywood eine Karriere zu machen. Freundschaft und andere Sentimentalitäten kann sie sich dabei nicht leisten. Doch als es ihr tatsächlich gelingt, eine Rolle an der Seite des ewig jugendlichen Stars Bruce Benton (Robert Hutton) zu ergattern, muss sie erfahren, wie groß die Opfer tatsächlich sind, die man zu erbringen hat, wenn man zu den "Top Ten" gehören will. Das unheimlichste an der ganzen Episode ist Beverly Adams' Gesicht in der Schlussszene.

"Mr. Steinway" gilt allgemein als der schwächste Teil von Torture Garden, und viele halten ihn offenbar für gänzlich absurd und lächerlich. Dem ersten würde ich zustimmen, dem zweiten nicht.
Die junge Musikjournalistin Dorothy Endicott (Barbara Ewing) interviewt den gefeierten Pianisten Leo Winston (John Standing). Dabei zeigt sie größeres Interesse an ihm als an seiner Musik. Leo erwiedert ihre Gefühle, was nicht nur das Missfallen seiner Managerin Maxine (Ursula Howells), sondern auch seines Konzertflügels Euterpe erregt.
Ein dämonisches Killerklavier ist in der Tat kaum ernstzunehmen, doch macht die Geschichte sehr deutlich, dass das Musikinstrument nur das Werkzeug bzw. das Symbol für ganz andere Kräfte ist. Es ist nicht eigentlich Euterpe, die in Dorothy eine Konkurrentin sieht, sondern Leos verstorbene Mutter. Sie war es gewesen, die ihn von frühester Jugend an zum Klavierspielen angehalten, seine Karriere organisiert und sein Leben kontrolliert hatte. Durch Maxine wie durch Euterpe {als Symbol seines Pianistentums} hält sie diese Kontrolle noch über das Grab hinaus aufrecht. Dorothy stellt eine direkte Bedrohung für ihre Macht und eine gefährliche Nebenbuhlerin um die Liebe ihres Sohnes dar.
Was ich an dieser Episode besonders auffallend finde, ist deshalb weniger ihr etwas absurder Charakter, als vielmehr die Ähnlichkeit der hier gezeichneten Mutter-Sohn-Beziehung zu der aus Psycho. Ich habe keine Ahnung, ob sich dieses Motiv bei Bloch noch häufiger findet. Und auch wenn dies der Fall wäre, wüsste ich zu wenig über den Autor, um da eine Interpretation wagen zu wollen.
Was "Mr. Steinway" tatsächlich zu einer Art Fremdkörper in Torture Garden macht, ist der Umstand, dass kaum verständlich ist, wie wir in der Story eine Vision Dorothys sehen sollen, die sie vor den üblen Folgen ihrer bösen Taten warnt. Maxine unterstellt ihr zwar, sie habe sich an Leo herangemacht, weil sie unbedingt die Frau eines weltberühmten Musikers werden wolle, doch im Kontext der Geschichte wirkt dies wenig glaubwürdig. Aufbau und Atmosphäre lassen sie eindeutig als das Opfer der bösartig-eifersüchtigen Mutter/Euterpes erscheinen.

Damit kommen wir zur letzten Episode "The Man Who Collected Poe", in der wir dann endlich auch Peter Cushing erleben dürfen. Der fanatische Poe-Sammler Ronald Wyatt (Jack Palance) stattet seinem Kollegen Lancelot Canning (Cushing) einen Besuch ab und lässt sich von diesem seine einmalige Sammlung zeigen. Nachdem die beiden ein paar Gläschen zu viel auf das Andenken des Meisters geleert haben, zeigt sich Canning bereit, seinem Besucher seine wahren Schätze zu präsentieren, und führt ihn in ein Kellergewölbe, in dem sich unzählige Manuskripte von bisher unveröffentlichten Werken Poes befinden. Außerdem steht dort eine Schatulle, die die sterblichen Überreste des Autors enthalten soll, welche Cannings Vater aus dessen Grab entwendet habe. Als der immer erregt werdende Wyatt eine Tür entdeckt, hinter der er selbstverständlich noch größere Kostbarkeiten vermutet, und sein Gastgeber sich weigert, ihm auch dort Einlass zu gewähren, verliert er die Fassung, versucht sich gewaltsam Zugang zu verschaffen und erschlägt Canning während des folgenden Handgemenges. Was ihn auf der anderen Seite der Tür erwartet ist ebenso grotesk wie makaber. Mit anderen Worten: Es ist genau das Richtige für eine Geschichte um Edgar Allan Poe.
"The Man Who Collected Poe" ist die wohl beste der vier Episoden von Torture Garden. Sie lebt zum einen von einer eigentümlich morbiden Atmosphäre, zum anderen vom Spiel der beiden Darsteller. Palance glänzt als gieriger Fanatiker, der seine Emotionen nur mit Mühe unter Kontrolle zu halten vermag. Cushings höflicher Gentleman Canning hingegen strahlt so etwas wie traurige Resignation aus, und man fragt sich, ob er nicht unterbewusst herbeigesehnt hat, dass Wyatt sein Geheimnis lüften und damit dem Grauen, das sich unter seinem Hause verbirgt, ein Ende bereiten werde.

Samstag, 25. Mai 2013

Strandgut der Woche

Freitag, 24. Mai 2013

Im Herbst von Hammer

Der Cushing-Woche dritter Teil

Anfang der 70er Jahre zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die Ära des klassischen Brit-Horrors ihrem Ende entgegen ging. Hammer versuchte diesem Trend zuerst einmal mit etwas mehr Blut und nackten Brüsten entgegenzuwirken, wobei man sich in Filmen wie The Vampire Lovers (1970), Dr. Jekyll and Sister Hyde (1971) oder Vampire Circus (1972) allerdings immer noch an den "gotischen" Stil hielt, für den die Firma in ihrer Blütezeit bekannt geworden war. Schließich jedoch gelangte man zu der Überzeugung, dass ein modernes Setting und etwas Counterculture - Zeitgeist besser geeignet wären, um das junge Zielpublikum ins Kino zu locken. Zugleich jedoch wollte man nicht auf die bewährten Protagonisten verzichten, vor allem nicht auf Christopher Lees Dracula. Also versetzte man den Fürsten der Finsternis in Dracula AD 1972 (1972) und The Satanic Rites of Dracula (1973) ins Swinging London der Gegenwart. Für Lee war mit diesen Filmen eine Grenze überschritten, jenseits derer er nicht länger bereit war, den Grafen zu spielen. Seinen letzten Dracula-Film The Legend of the 7 Golden Vampires (1974), in dem der berühmte Untote sein Unwesen im China der Shaw-Brüder treibt, musste das House of Hammer ohne ihn drehen.
"[F]atuous, pointless, absurd" das waren die  Bezeichnungen, mit denen Christopher Lee The Satanic Rites of Dracula belegte. Und er fügte hinzu, dass er ebensogut noch zwanzig weitere Adjektive aufzählen könnte, von denen sicher keines besonders schmeichelhaft für Alan Gibsons Film gewesen wäre. Doch ist der Streifen wirklich so mies? Schaun wir mal:


Die Antwortet lautet leider JA.
Ich hatte gehofft, der Film sei verrückt genug, um einen eigenen Charme entwickeln zu können, doch dem ist nicht so. The Satanic Rites of Dracula ist nicht bizarr, sondern einfach bloß dumm und langweilig. Es wäre reine Zeitverschwendung, wollte man die ganze Sinnlosigkeit der Story um einen satanischen Vampirkult, mit dessen Hilfe ein als millionenschwerer Großindustrieller zurückgekehrter Dracula die Ausrottung der Menschheit mittels eines Supervirus plant, hier im Detail darlegen. Die Idee, dass der Graf die Apokalypse herbeisehnt, weil er seines ewigen Lebens überdrüssig geworden ist, hätte der Ausgangspunkt für eine ganz interessante Geschichte werden können. Nicht jedoch in diesem Machwerk. Man kann nur zu gut verstehen, warum Christopher Lee nach dieser Tortur endgültig die Schnauze voll hatte, wirkt sein Vampirfürst doch bloß noch wie eine traurige Karrikatur seiner selbst.
Einen besonders peinlichen Eindruck hinterlässt das offensichtliche Bemühen der Macher von Satanic Rites, sich beim rebellischen Zeitgeist der 70er Jahre - Jugend anzubiedern. So besteht die Führungsriege besagten Kultes aus vier Stellvertretern des bösen Establishments {ein General, ein Minister, ein Grundbesitzer und Dracula selbst als Großindustrieller}, und an einer Stelle faselt der Graf plötzlich etwas von einem Staatsstreich, den er und seine Anhänger planen würden, um der herrschenden Dekadenz Einhalt zu gebieten. {Dass solche Ideen von Teilen der britischen Elite jener Zeit tatsächlich erwogen wurden, macht die Art, wie mit diesem Thema umgegangen wird, nur noch unerträglicher.}
Peter Cushings Bemühen, seinem Lorrimar Van Helsing selbst inmitten dieses Sumpfes von cineastischem Stumpfsinn einen Rest an Würde und Ernsthaftigkeit zu bewahren, wirkt beinahe heroisch, kann den Film aber ebensowenig retten wie Joanna Lumleys Sexappeal. Und dass letztere als Van Helsings Enkelin und angebliche "rechte Hand" selbstredend ganz auf die Rolle der {wenig überzeugenden} Scream Queen und Damsel in Distress reduziert bleibt, will ich gar nicht erst groß kommentieren.
Das Beste, was man zur Verteidigung dieses traurigen Beispiels für Hammers Niedergang, vorbringen könnte, ist, dass der Flick das Material für folgenden Clip zu Skodiacs' Song Hey Little Vampire abgegeben hat:


Nebenbei bemerkt ist das die wahrscheinlich beste Szene des ganzen Films. Das kleine Vampirmädchen wirkt wirklich unheimlich ... Shit, jetzt versuch ich doch tatsächlich, selbst in diesem Bockmist noch irgendwas gutes zu finden ...

Mittwoch, 22. Mai 2013

"Monster? We are British!"

Der Cushing-Woche zweiter Teil

Beim Anblick dieses französischen Filmplakats zu Eugenio Martíns Horror Express schießt einem vermutlich als allererstes durch den Kopf: Was, bei Carmillas hübschen Fangzähnen, hat Kojak in einem europäischen Horrorflick von 1972 verloren? Damit das klar ist: Telly Savalas ist cool, aber wer bitte schön würde erwarten, ihn neben Peter Cushing und Christopher Lee im Film eines Regisseurs zu sehen, dessen Spezialität vor allem Low Budget - Horrorstreifen, Spaghettiwestern und Musikkomödien waren?*
Das Geheimnis ist schnell gelüftet: Martin, Savalas und Produzent Bernard Gordon hatten kurz zuvor bereits bei Pancho Villa zusammengearbeitet. Freund Kojak hatte dabei die Rolle des mexikanischen Revolutionärs gespielt, was schon weit weniger verwunderlich wirkt. Sehr viel erstaunlicher ist darum eigentlich auch, dass es Gordon gelang, Peter Cushing und Christopher Lee für das Projekt zu gewinnen. Tatsächlich wäre dieser Coup beinahe gescheitert, da der vom Tod seiner Frau Helen zutiefst erschütterte Cushing im letzten Moment absagen wollte. Es war sein Freund Lee, der die Situation mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen doch noch rettete, wie Gordon in einem Interview erzählt hat:

Christopher, who is garrulous at the best of times, started talking to Cushing, joking, reminiscing, and filibustering for about an hour. Neither Cushing nor I could get a word in. Never once did Christopher address the film or Peter's intention to go home. At the end, we were both worn down, and Christopher said, "All right, Peter, see you at work tomorrow," and left. That was it.
Der vor allem als Drehbuchautor bekannte Bernard Gordon ist eine äußerst faszinierende Gestalt. Er gehörte zu jenen amerikanischen Filmkünstlern, deren Leben & Karriere durch die Schwarzen Listen der McCarthy-Zeit wenn schon nicht völlig zerstört, so doch auf jedenfall nachhaltig beschädigt wurden. Als linker Aktivist und Mitbegründer der Screen Readers Guild war der 1918 geborene Sohn jüdisch-russischer Immigranten Anfang der 40er Jahre in die KP eingetreten. Er war nur einer von vielen amerikanischen Künstlern und Intellektuellen gewesen, die sich in jener Zeit  radikalisiert durch die Große Depression und den Aufstieg des Faschismus in Europa – sozialistischen Ideen zuwandten. Er selbst schrieb später darüber: "Right or wrong, people were there because they were outraged about the existing woes and evils of the world and wanted to do something to correct them." Als das House Un-American Activities Commitee (HUAC) 1947 damit begann, Hollywood von allen linken Elementen zu säubern, geriet auch Gordon schon bald ins Visier der Hexenjäger. William Alland**, der zu einem bereitwilligen Informanten geworden war, versorgte das HUAC mit seinem Namen. Gordon weigerte sich, vor dem Kommitee zu erscheinen, und landete alsbald auf der Schwarzen Liste, was bedeutete, dass er von nun an keine Aufträge mehr von den großen Studios erhielt. Produzent Charles Schneer  vielleicht am bekanntesten durch die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit seinem Freund Ray Harryhausen – vermittelte ihm schließlich unter der Hand einige Jobs. So schrieb Gordon u.a. das finale Drehbuch für Earth vs. The Flying Saucers (1956). Die Bezahlung freilich war äußerst bescheiden, und Gordon war, wie so viele Opfer der antikommunistischen Säuberungen, gezwungen, unter dem Namen eines Freundes zu arbeiten. Schließlich entschied er sich, nach Spanien auszuwandern. Aber selbst in Europa waren die Auswirkungen der Schwarzen Liste noch zu spüren. So musste Gordon es hinnehmen, dass in den meisten Filmen Philip Yordan als einziger Autor genannt wurde, obwohl er den Hauptteil der Arbeit geleistet hatte. Das für Freunde & Freundinnen des Phantastischen interessanteste Beispiel hierfür dürfte die erste Verfilmung von John Wyndhams Day of the Triffids aus dem Jahr 1962 sein. Ende der 60er Jahre kehrte Gordon in die USA zurück, wo es ihm jedoch nachwievor sehr schwer fiel, Arbeit zu finden. Eine ehemalige Kollegin aus Madrid vermittelte ihm schließlich den Auftrag, das Script für eine Filmadaption von Margaret Atwoods Surfacing zu schreiben, das 1981 von Claude Jutra umgesetzt wurde. Doch blieb dies seine letzte Arbeit in der Filmindustrie. Als die Academy 1999 dem Regisseur Elia Kazan, der einer der prominentesten Denunzianten der McCarthy-Ära gewesen war, einen Oscar für sein Lebenswerk verlieh, gehörte Gordon zu den entschiedendsten Organisatoren der Proteste gegen diese öffentliche Versöhnung des Hollywood-Establishments mit dem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte.*** Er starb am 11. Mai 2007.
Eine beeindruckende Persönlichkeit, daran kann kein Zweifel bestehen. Gordons größter Stolz waren diejenigen seiner Filme, die zu Kultstatus gelangt waren. Horror Express ist einer von diesen, und das völlig zurecht:


Der Film beginnt mit einer kurzen Einleitung, wie sie in einer Erzählung von H.P. Lovecraft stehen könnte:
The following report to the Royal Geological Society by the undersigned Alexander Saxton is a true and faithful account of the events that befell the society's expedition in Manchuria. As the leader of the expedition, I must accept the responsibility for its ending in disaster. But I will leave, to the judgement of the honorable members, the decision as to where the blame for the catastrophe lies...
Erwähnte Expedition hat die Überreste eines prähistorischen humanoiden Wesens zu Tage gefördert, die Professor Saxton (Christopher Lee) und seine Assistentin Miss Jones (Alice Reinheart) nun mit der Transsibirischen Eisenbahn von Shanghai (oder Peking?) nach Europa zu transportieren gedenken. Doch noch vor der Abfahrt kommt es zum ersten Todesfall. Opfer ist ein chinesischer Dieb, der sich an der Kiste mit dem "Fossil" {das eher wie eine Mumie aussieht} zu schaffen gemacht hat. Die Augen des Toten sind reinweiß, ohne Iris oder Pupille, und der Mönch Pujardov (Alberto de Mendoza) – eine Art Westentaschen-Rasputin – wittert sogleich die Anwesenheit satanischer Mächte. Saxton zeigt sich jedoch uninteressiert. Dass sein alter Intimfeind Dr. Wells (Peter Cushing) gleichfalls mit dem Zug nach Moskau fährt, belastet ihn sehr viel mehr als der Tod irgendeines dahergelaufenen Asiaten. Und so macht man sich denn auf die Reise. Mit von der Partie sind außerdem der polnische Graf Petrovski (George Rigaud) und seine junge Frau Irina (Silvia Tortosa), Vater Pujardov, der Ingenieur Yevtushenko (Angel del Pozo), der russische Polizeibeamte  Mirov (Julio Peña) und die hübsche Natasha (Helga Liné), die sich schon bald als Spionin entpuppt. Und wie zu erwarten, dauert es nicht lang, bis die nächste Leiche auftaucht. Der Verantwortliche ist gleichfalls schnell gefunden: Saxtons "Fossil" ist zum Leben erwacht und legt einen ausgesprochen mörderischen Charakter an den Tag. Was folgt ist eine typische "Monster an Bord" - Geschichte, die jedoch durchaus eigene Züge trägt. Wie sich herausstellt, haben wir es nämlich nicht einfach mit einem amoklaufenden Hominiden aus der Vorzeit zu tun. Vielmehr beherbergt das "Fossil" ein außerirdisches Geistwesen, das über die Fähigkeit verfügt, Erfahrung und Persönlichkeit seiner Opfer in sich aufzusaugen. Im Notfall kann es außerdem den Wirtskörper wechseln.
Zugegeben, sonderlich originell klingt der Plot nicht gerade. Doch erstaunlicherweise macht das überhaupt nichts, denn die besondere Qualität dieses Filmes liegt nicht in seiner Handlung. Es fiele nicht schwer, zu zeigen, dass vieles von dem, was wir zu sehen bekommen, in Bezug auf Logik und innere Konsistenz wenig Sinn macht. So liegt dem Streifen zwar eine typische SF-B-Movie-Idee zugrunde, doch zugleich findet sich genug, was eher in Richtung eines übernatürlichen Grauens verweisen würde. Das krasseste Beispiel dafür dürfte eine Szene sein, in der Gräfin Irina plötzlich eine gespenstische Melodie zu hören glaubt und auf ihrem Klavier nachspielt. Sollen wir wirklich annehmen, dass das von einer außerirdischen Intelligenz kontrollierte Urmenschen-Fossil angefangen hat, die Titelmelodie vor sich hin zu pfeifen? Wohl kaum. Doch wenn wir anfangen, solche Fragen zu stellen, sind wir bereits auf dem besten Weg, uns ein großartiges Filmvergnügen zu vermiesen. Denn Horror Express lebt in erster Linie nicht von seiner Geschichte, sondern von seiner Atmosphäre. Ähnliches gilt auch für die handelnden Personen. Als einzelne genommen stellt keine von ihnen einen voll ausgeformten Charakter dar. Doch was in den meisten Filmen eine Schwäche wäre, fällt hier keineswegs negativ auf. Zwar beweist Drehbuchautor Arnaud D'Usseau großes Geschick darin, den Figuren mit einigen winzigen, doch sehr pointierten Dialogfetzen individuelle Züge zu verleihen, aber ihre wirkliche Stärke entfalten sie als Ensemble.
Der beste Weg, um zu verdeutlichen, was ich damit meine, scheint mir ein Vergleich von Horror Express mit Sidney Lumets Murder on the Orient Express (1974) und John Guillermins Death on the Nile (1978) zu sein. Was ich an diesen Agatha Christie - Verfilmungen liebe sind in erster Linie nicht das jeweilige Mordkomplott und seine Aufklärung, sondern das Bild, das sie von  einer europäischen Upper Class - Gesellschaft in einer "kolonialen" Umgebung zeichnen. Der Balkan bzw. Ägypten sind bloß "exotische" Kulissen, "Eingeborene" dürfen maximal die Rolle komischer Nebenfiguren spielen. Doch was bei Christie selbst vermutlich Ausdruck einer von den Traditionen des Empire geprägten Weltsicht war, erhält in den Filmen meiner Ansicht nach einen wunderbar ironischen Charakter. Man bekommt den Eindruck, als ob all diese reichen und schönen Ladies und Gentlemen, ganz gleich wo auch immer sie sich hinbegeben, ihre eigene kleine Welt von Gier, Eitelkeit und Eifersucht mit sich herumtragen.
Ganz ähnlich wirkt auf mich auch Horror Express. Zuerst mag man es irritierend finden, dass es beinahe unmöglich ist, echte Sympathie für eine der Hauptfiguren zu empfinden. Aber irgendwann wird man erkennen, dass dies Absicht ist. Unsere "Helden" verkörpern ganz wie die Reisegesellschaft in Death on the Nile die europäische Upper Class des Kolonialzeitalters. Saxton ist das Urbild des steifen britischen Gentleman, und sein einziges Interesse scheint darin zu bestehen, mithilfe des sensationellen Fundes seine gesellschaftliche Reputation zu steigern. Tote Chinesen und Russen fallen da nicht wirklich ins Gewicht. Sein anfänglicher Rivale Wells wirkt zwar sehr viel entspannter und damit menschlicher, legt aber ganz dieselbe Arroganz an den Tag. Beide halten sich offenbar für Vertreter einer überlegenen Zivilisation. Graf Petrovski und seine Frau geben kaum ein besseres Bild ab. Das dekadente Aristokratenpaar genießt seine eigene "Unmoral", während es sich zugleich den Mönch Pujardov als eine Art Hofnarren hält, den zu demütigen den beiden offenbar großen Spaß bereitet. All dem wird im Grunde noch eins drauf gesetzt, sobald Telly Savalas seinen {ziemlich kurzen, aber nichtsdestoweniger großartigen} Auftritt als Kosakenhauptmann Kazan hat. Wenn die versnobten Passagiere des Zuges zuvor die russischen Polizisten mit kaum verhüllter Herablassung behandelt haben, lässt der brutale Kazan seinerseits keinen Zweifel daran, dass er in ihnen nichts weiter sieht als "Bauernpöbel". Sehr bald schon bekommen Sexton und Wells die Gewehrkolben seiner Jungs zu spüren, derweil der Hauptmann den armen Pujardov mit seiner Nagaika fast zu Tode prügelt. Die "kolonialistischen" Briten mögen arrogante Arschlöcher sein, aber das heißt noch lange nicht, dass das zaristische Russland nicht noch sehr viel barbarischer sein könnte.

Ich würde nicht behaupten wollen, dass Horror Express die Verschmelzung von phantastischen Motiven mit dem ironischen Blick auf die privilegierte Schicht des beginnenden 20.Jahrhunderts hundertprozentig gelungen wäre. Letztlich ist der Streifen eben doch bloß ein atmosphärischer Horrorflick in der Tradition von Hammer & Co. In dieser Hinsicht ähnelt er irgendwie der Titelmelodie von John Cacavas {der witzigerweise auch die Musik für Kojak geschrieben hat}. Für einen simplen "Monster an Bord" - Flick wirkt diese eher unpassend, doch wenn man über den vordergründigen Plot hinausschaut, ist sie genau der richtige Sound für Horror Express:




* Faszinierend freilich klingt die Besetzung von Martins Abenteuerstreifen Die goldene Göttin vom Rio Beni (1964): Pierre Briece, Gillian Hills, René Deltgen und Harald Juhnke!?! Da muss ich doch mal ein bisschen nachgraben ...
** Alland war selbst einmal ein Linker gewesen und hatte in drei von Orson Welles' Meisterwerken (Citizen Kane, The Lady from Shanghai und Macbeth) mitgewirkt. Als Produzent zeichnete er später u.a. für Jack Arnolds It Came from Outer Space (1953) & The Creature from the Black Lagoon (1954) sowie für den SciFi-Film This Island Earth (1955) verantwortlich.
*** Vgl.: David Walshs äußerst lesenswerten Essay Filmmaker and informer.

Montag, 20. Mai 2013

Ein Robin Hood der Marsch?

Der Cushing-Woche erster Teil

Hammer Film Productions und Peter Cushing? Da wird man natürlich sofort an Horror denken müssen. Und das aus gutem Grund, schließlich ist der Schauspieler einer der bekanntesten Vertreter des Brit-Horrors, und das nicht zuletzt aufgrund seiner wiederholten Auftritte als Abraham Van Helsing und Victor Frankenstein in Hammers langlebigen Dracula- und Frankensteinreihen. Doch die Firma produzierte auch einige Filme mit ihrem Star, die genaugenommen nicht zum Genre der Monster, Geister und Vampire gehören. Das bekannteste Beispiel dürfte die Adaption von Arthur Conan Doyles The Hound of the Baskervilles aus dem Jahre 1959 sein, in der Cushing zum ersten {aber nicht zum letzten} Mal in die Rolle von Meisterdetektiv Sherlock Holmes schlüpfte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hammer gerade erst begonnen, mit The Curse of Frankenstein (1957) und Dracula (1958) jenen Stil des "gotischen" Horrors zu prägen, den wir heute mit dem Namen der Produktionsfirma verbinden. Dennoch bemühte man sich, dem Film eine vergleichbare Atmosphäre zu verleihen, und bewarb ihn entsprechend. Man wusste offenbar, was das Publikum sehen wollte. Ähnliches gilt für Captain Clegg (in den USA als Night Creatures bekannt), den Hammer 1962 in die Kinos brachte. Das Plakat verspricht Grusel und Spannung, und der Trailer versucht den Film ganz klar als Horrorflick zu verkaufen:



Tatsächlich jedoch findet sich nur wenig unheimliches und überhaupt nichts übernatürliches in Captain Clegg. Etikettenschwindel? Ja, vielleicht, und um Enttäuschungen zu vermeiden, wäre es sicher ganz gut, wenn man an den Streifen nicht mit der Erwartung herangeht, dass es sich um einen Horrorfilm handelt. Etwas gruseligeres als die im Trailer zu sehenden "Phantome" wird einem hier nämlich nicht begegnen, und bei denen handelt es sich offensichtlich um auf Stoff gemalte Skelette. Im Kontext der Geschichte macht diese dilettantisch anmutende "Tricktechnik" durchaus Sinn, doch eine unheimliche Wirkung erzielt sie ganz sicher nicht.
Um welche Art Film genau handelt es sich also bei Captain Clegg? Auf Russell Thorndikes Roman Doctor Syn basierend, ließe er sich wohl am besten als historischer Abenteuerfilm bezeichnen. Die Handlung ist im ausgehenden 18. Jahrhundert angesiedelt. Der ehemalige Piratenkapitän Clegg (Peter Cushing) hat sich, nachdem er mit viel Glück dem Galgen entgangen ist und seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, in einem kleinen Dorf in der Romney Marsh im Südosten Englands niedergelassen. Dort spielt er die Rolle des Pastors Dr. Blyss*, hat jedoch zugleich die Führung der örtlichen Schmugglerbande übernommen, die französische Weine und Spirituosen an den königlichen Zollbeamten vorbei ins Land schleust. Als eines Tages Captain Collier (Patrick Allen) mit seinen Männern im Dorf auftaucht, um dem Schmuggel ein Ende zu machen, droht damit auch sein Inkognito aufzufliegen, schleppen die Matrosen doch ein ehemaliges Mitglied von Cleggs Mannschaft mit sich. Einen Mulatten, der das Gesicht des Mannes, der ihm einst die Zunge herausschneiden ließ, verständlicherweise nicht vergessen hat.
Nun ist Captain Clegg wohl keines der echten Meisterwerke aus dem "House of Hammer", doch handelt es sich auf jedenfall um ein sehenswertes kleines Filmchen. Regisseur Peter Graham Scott ist vor allem für seine TV-Arbeiten bekannt. Er gehörte zu denjenigen, die in den späten 40er und frühen 50er Jahren einen stärker cineastischen, nicht so sehr von den Traditionen des Theaters geprägten Stil in das junge britische Fernsehen eingeführt hatten. In späteren Jahren drehte er u.a. einige Folgen der Avengers (1965/66), eine Episode von The Prisoner (1967) und vor allem die phantastische Kinderserie Children of the Stones (1977). Sein unbestreitbares Talent lässt sich auch in Captain Clegg erkennen. So versteht er es z.B. sehr geschickt, die Landschaft der Marschen zum Heraufbeschwören einer intensiven Atmosphäre zu nutzen. Vor allem jedoch werden unter seiner Regie Figuren, die sehr leicht als bloße Stereotypen hätten enden können, zu lebendigen Menschen. Freilich konnte Scott auch mit einer recht ansehnlichen Truppe von Schauspielern & Schauspielerinnen arbeiten, zu der neben Cushing und Allen u.a. Michael Ripper, Oliver Reed und Yvonne Romain gehörten.**
Die große Stärke des Films besteht darin, dass es anders als in den meisten Hammer-Streifen keine klare Rollenverteilung zwischen Gut und Böse gibt. Sicher, mit dem Schankmädchen Imogen (Yvonne Romain) und ihrem Geliebten Harry (Oliver Reed), dem Sohn des Squire, besitzen wir zwei eindeutig sympathische Charaktere, während der feige und lüsterne Wirt Mr. Rash (Martin Benson) eine reichlich abstoßende Figur abgibt. Doch der zentrale Konflikt zwischen den Schmugglern und den Männern des Königs lässt sich nicht in so ein einfaches Schema pressen.
Captain Collier zeigt sich in Ausführung seiner Mission als hart und unbarmherzig, aber er ist kein böser Sheriff von Nottingham, sondern einfach ein pflichtbewusster Offizier Seiner Majestät. Ebenso sind seine Matrosen zwar recht raue Gesellen, doch vor allem der Bootsmann zeigt immer wieder auch recht menschliche Züge.
Clegg/Blyss andererseits ist eine schwer zu fassende, facettenreiche Gestalt. Einerseits scheint er tatsächlich bemüht zu sein, seine blutige Vergangenheit hinter sich zu lassen, andererseits steckt in ihm doch immer noch der alte Piratenkapitän – befehlsgewohnt, kaltblütig und sarkastisch. Bis zum Ende bleibt es unmöglich, ihn richtig einzuschätzen. Wenn er seinen Männern einschärft, es dürfe kein Blut vergossen werden, tut er das, weil ihm tatsächlich jede unnötige Gewalt zuwider ist, oder weil ein solches Verhalten einfach klüger ist, wenn es darum geht, Collier und seine Leute möglichst schnell wieder loszuwerden? Das Glück von Imogen und Harry liegt ihm zweifelsohne ehrlich am Herzen und Jeremiah Mipps (Michael Ripper) scheint ein guter Kamerad aus alten Piratentagen zu sein, doch wie sieht es mit dem Rest der Dorfbewohner aus? Macht er sich wirklich etwas aus ihrem Schicksal oder bedient er sich ihrer bloß, um seine eigenen Ziele zu erreichen? Eine der eindrucksvollsten Szenen des Films ist Cleggs Rede in der Kirche, in der er seine wahre Identität enthüllt und erklärt, er sei deshalb Führer der Schmugglerbande geworden, weil er den armen, vom König ausgebeuteten Marschbewohnern helfen und so für seine früheren Verbrechen büßen wollte. Die Szene würde fürchterlich pathetisch wirken, wenn da nicht ein leiser Zweifel bliebe, ob Cleggs Seelenbeichte wirklich ganz ernst gemeint ist. Die unmittelbare Folge seiner Ansprache ist nämlich, dass sich die versammelten Dorfbewohner auf Colliers Matrosen stürzen. Und huscht da nicht wieder dieses ironische Lächeln über Cleggs Gesicht, als er den Tumult nutzt, um zu fliehen? Letztenendes nimmt der alte Pirat das Geheimnis mit ins Grab, ob er tatsächlich eine Art Robin Hood der Marsch war oder bloß ein verdammt schlauer Kerl. Vermutlich beides. Und in eben dieser Ambiguität liegt die besondere Faszination von Captain Clegg aka Night Creatures.

* Da Disney zur selben Zeit an einer eigenen Adaption von Thorndikes Roman arbeitete, beschloss man bei Hammer dem Protagonisten einen anderen Namen zu geben, um möglichen Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen.
** Die drei hatten übrigens bereits im Jahr zuvor bei Hammers einzigem Werwolffilm The Curse of the Werewolf gemeinsam vor der Kamera gestanden.

Samstag, 18. Mai 2013

And now to something completely different

Verdammt, ich bekomme Star Trek Into Darkness einfach nicht aus meinem Kopf, und je länger ich darüber nachdenke, desto größer wird meine Wut. Ich könnte glatt noch einen zweiten Verriss schreiben, in dem ich mich dann lang und breit über das dilettantische Plotting, die eigenartige Beziehung zwischen Kirk und Spock, das ganze Terrorismusding, die Omnipräsenz des Rachemotivs und natürlich die billige Methode, wie da dem Tod ein Schnippchen geschlagen wird, auslassen würde. Aber warum sich aufregen? Der Streifen ist schließlich nicht so schlimm wie Transformers 2 {trotz der Kurtzman & Orci - Connection}, nicht wahr? Und im Grunde ist Star Trek sowieso schon seit langem tot, oder? Denk doch nur mal an Enterprise oder an Nemesis. Was soll's also ...

Wenden wir uns lieber etwas erfreulichem zu. Es mag noch etwas zu früh sein, um den Sekt kaltzustellen, aber so weit entfernt ist der 26. Mai nicht mehr. In wenig mehr als einer Woche können wir den hundertsten Geburtstag des wundervollen Peter Cushing feiern! Viele mögen ihn vielleicht nur noch aufgrund seiner Rolle als Grand Moff Tarkin in Star Wars kennen, doch für Freunde & Freundinnen des klassischen Horrorfilms gehört er neben Christopher Lee und Vincent Price zum göttlichen Dreigestirn der goldenen Ära von Hammer, Amicus und AIP. Und gäbe es eine angemessenere Form, das Gedenken an diesen großen Mann zu begehen, als sich eine kleine Auswahl seiner phantastischen Filme anzuschauen? Und somit erkläre ich hiermit die Cushing-Woche offiziell für eröffnet. Ich habe vor, mir im Verlauf der nächsten acht Tage die folgenden fünf Filme anzuschauen und anschließend hier über sie zu berichten: Nineteen Eighty-Four (1954), Night Creatures (1962), Torture Garden (1967), Horror Express (1972) und The Satanic Rites of Dracula (1973). Mal sehen, ob mir das gelingen wird. Auf jedenfall sollte es mir helfen, Into Darkness aus meinen Gedanken zu verdrängen.

Strandgut der Woche

Freitag, 17. Mai 2013

"Into Darkness" – Welch treffender Titel

Muss ich meinem Kommentar zu Star Trek Into Darkness abgeben? Ich glaube ja. Als alter Trek-Fan fühle ich mich irgendwie dazu verpflichtet.*



                  SPOILER ! SPOILER ! SPOILER ! SPOILER !

J.J. Abrams erster Star Trek - Film von 2009 war ein tumber Actionblockbuster. Doch gerade deshalb hatte er mir eigentlich ganz gut gefallen. Zum einen war er als solcher recht spannend und gut gemacht. Zum anderen war ich davon überzeugt, dass dies der einzig mögliche Weg zur Wiederbelebung des Franchises sein konnte. Doch dazu ein andermal vielleicht mehr.
Nur mit sehr viel Naivität hätte man erwarten können, dass Into Darkness irgendetwas anderes sein würde. Dass Intelligenz und Komplexität im neuen Trek-Universum auch weiterhin Fremdworte bleiben, stellt für mich darum auch kein so großes Problem dar. Allerdings wäre es wirklich begrüßenswert, wenn man in Hollywood endlich einmal begreifen würde, dass man Damon Lindelof nicht einmal in die Nähe eines Filmprojektes lassen darf. Der Mann besitzt das einmalige Talent, jedes Drehbuch zu verhunzen, das mit seinen Fingern in Berührung kommt.  Nach dem Ende von Lost hätte man ihn in irgendein Umschulungsprogramm stecken sollen. Dass bei etwas näherer Betrachtung vieles von dem, was in Into Darkness passiert, so gut wie keinen Sinn macht, wäre verzeihlich, wenn die Geschichte sich ähnlich flüssig entfalten würde wie im 2009er-Film. Stattdessen jedoch degeneriert der Plot irgendwann zu einer bloßen Hangelei von Set-piece zu Set-piece und von Actionsequenz zu Actionsequenz. Das ist Lindelofs Handschrift, wie wir sie aus Lost, Cowboys & Aliens und Prometheus kennen. Da helfen dann auch die im Großen und Ganzen ziemlich guten Leistungen der Schauspieler und Schauspielerinnen nicht mehr viel.
Dies allein wäre bereits ausreichend, um Into Darkness zu einem Fehlschlag zu erklären. Doch in Bezug auf das künftige Potential des neuen Star Trek - Franchises ließe sich daraus nichts näheres ableiten. Zu einer echten Katastrophe wird der Film erst mit der {hust, hust} "großen Enthüllung" und allem, was daraus folgt. Eigentlich haben wir es ja schon seit einem halben Jahr gewusst: Cumberbatch spielt Khan Noonien Singh. Der ganze Zirkus um Gerüchte, die man erst ganz bewusst ausstreut und füttert, um ihren Inhalt anschließend im Brustton der Überzeugung zu verneinen, war nichts weiter als ein ziemlich doofer PR-Trick. Doch darauf will ich jetzt gar nicht näher eingehen. Ebensowenig auf den peinlichen Umstand, dass Abrams & Co einen Inder von Großbritanniens blütenweißem Schauspielerdarling spielen lassen. Mein Hauptproblem ist vielmehr, dass sich mit Khans Auftritt beinahe augenblicklich jede Hoffnung verflüchtigt, das "neue" Star Trek - Franchise könne sich zu etwas eigenständigem entwickeln. Und nur wenn dies geschehen wäre, hätte es meiner Ansicht nach eine Existenzberechtigung gehabt.
Ich verstehe ja, warum sie Khan aus dem Cryo-Schlaf geweckt haben. Er war der einzige richtig große Bösewicht, den die Originalserie hervorgebracht hat. Und ein verdammt charismatischer Bösewicht noch dazu! Aber genau das ist eben auch das Problem. Man hätte etwas mehr Originalität und Mut zur Selbstständigkeit beweisen müssen, statt Leichenfledderei oder Nekromantie zu betreiben. War denn nicht der Trick mit der neuen Zeitlinie gerade als eine Art Befreiungsschlag gedacht gewesen? Wir machen Tabula Rasa mit dem ganzen Kanon und erzählen unsere eigenen Geschichten!? Nur wenn man in dieser Richtung konsequent weitergegangen wäre, hätte man ein neues Star Trek - Franchise etablieren können. Sicher, es wäre ein Franchise von letztlich dummen, aber hoffentlich farbenfrohen und spannenden SciFi-Blockbustern geworden. Vom alten Star Trek hätte man sich dabei rasch so weit entfernt, dass schon bald kaum einer mehr auf die Idee gekommen wäre, Vergleiche zwischen den beiden anzustellen. Stattdessen jedoch haben sich Abrams, Lindelof & Kumpanei eine der ikonischsten Figuren des alten Trek-Universums geschnappt! Und als wäre das nicht schon dumm genug gewesen, kopieren sie im letzten Drittel ihres Streifens auch noch ganze Passagen aus dem besten Star Trek - Film aller Zeiten – Wrath of Khan! Damit machen sie es jedem Betrachter, der auch nur über rudimentäre Kenntnisse der Trek-Geschichte verfügt, unmöglich, Into Darkness anders als vor dem Hintergrund der alten Serie und der alten Kinofilme zu sehen. Statt möglichst schnell vergessen zu machen, dass Star Trek einmal mehr war, als hirnlose Action und hübsche Special Effects, reiben sie uns genau das auf geradezu aggressive Weise unter die Nase.
Schon der Film von 2009 war im Grunde ein großes "Fuck you!" gegenüber allem gewesen, wofür Star Trek ursprünglich gestanden hatte. In der Figur des neuen Kirk verherrlichte er Impulsivität, Rücksichtslosigkeit und Gewalt, während er zugleich die alten Trek-Werte von  Intellekt, Neugier, Bildung, Kultur, Toleranz und einer aufgeklärten Humanität mit Verachtung strafte. Die Vernichtung Vulcans wirkte geradezu wie ein Symbol für Abrams erklärt antiintellektuellen Umgang mit der Materie. Stattdessen wurde dem Ganzen eine starke Dosis von Campbells monomythischer "Hero's Journey" injeziert, einschließlich des damit verbundenen antiaufklärerischen Weltbildes, wie Al Harron sehr schön in seinem Aufsatz That Star Trek Film Wot Came Out A While Back dargelegt hat. Doch für einen tumben Actionblockbuster ist all dies im Grunde angemessen, und darum war ich bereit, darüber hinwegzusehen. Im Fall von Into Darkness ist das jedoch nicht länger möglich, da sich der Film ganz bewusst als eine Art aktualisierte Version von Wrath of Khan zu präsentieren versucht. Spätestens wenn Spock Kirks alten "Khaaaaan" - Schrei ausstößt, wird schmerzhaft deutlich, dass dieser Streifen eine Ohrfeige für alle alten Trek-Fans ist, ausgeführt von einer Clique künstlerischer Kretins, die nicht einmal begriffen haben, warum die Motive, mit denen sie herumspielen, in ihrem ursprünglichen Kontext funktionierten.
Die besondere Stärke von Wrath of Khan bestand darin, dass der Film nicht nur ein spannendes Weltraumabenteuer erzählte, sondern sich darüberhinaus mit dem Altwerden des ewigen Draufgängers Jim Kirk beschäftigte. Dieser wird mit den Folgen vergangener Handlungen konfrontiert – sowohl in Gestalt von Khan als auch in der von Carol Marcus und ihrem gemeinsamen Sohn David – und muss am Ende erkennen, dass es Situationen gibt, denen man auch unter Einsatz von Willenskraft und Schläue nicht entgehen kann. Spocks Tod zwingt ihn dazu, sich der ultimativen "aussichtslosen Situation" zu stellen: dem Tod. Khan ist in diesem Kontext der ideale Gegenspieler: Wie Kirk ist auch er eine intelligente, charismatische und willensstarke Führerpersönlichkeit. Zugleich aber ist er eine Person aus Kirks Vergangenheit, die beiden besitzen eine gemeinsame Geschichte. Wenn Khan den Captain für den Tod seiner Frau {und vieler seiner Gefährten} verantwortlich macht, hat er damit nicht ganz unrecht. Man könnte sehr wohl argumentieren, dass Kirks Hang zu impulsiven Entscheidungen, deren längerfristige Folgen unbedacht bleiben, schuld am furchtbaren Schickal der Verbannten von Ceti Alpha V war. Im Duell der beiden erweist sich Khan schließlich als unterlegen, nicht weil er weniger intelligent wäre, sondern zum einen, weil es ihm an Erfahrung als Raumschiffcaptain mangelt, zum anderen, weil er sich von seinen Emotionen beherrschen lässt. Nicht allein sein Hochmut, sondern vor allem sein blindwütiger Rachedurst führt seinen Untergang herbei.
Und nun schaue man sich Into Darkness an. Von Khans charismatischer Führerpersönlichkeit ist nichts übriggeblieben. Cumberbatchs Charakter macht nicht den Eindruck eines Mannes, der sich selbst für einen gestürzten Philosophenkönig hält und Milton, Melville und Shakespeare liest. Er ist nicht viel mehr als ein mit einer  übermenschlichen Physis ausgestatteter Terrorist und Supersoldat. Das macht ihn weit weniger faszinierend als es Ricardo Montalbans Khan gewesen ist. Wirklich entscheidend jedoch ist die Akzentverschiebung auf Kirks Seite. Wie Andy Poulastides es in der letzten Episode des Black Dog Podcast sehr treffend formuliert hat: "At the end of the film Kirk is still the same reckless thug he was at the start" (2:16:00). Nicht nur macht er keine Charakterentwicklung durch, er verkörpert auch ganz wie bereits 2009 Aggressivität, Rücksichtslosigkeit und den Glauben, dass Gewalt stets die beste Lösung ist. Wenn er am Ende die – übrigens völlig unnötige** – Reparatur des Warpkerns mittels einiger Fußtritte bewerkstelligt, ist das in seiner symbolischen Folgerichtigkeit fast schon zu schön, um wahr zu sein. Chris Lough freilich hat es fertiggebracht, in der Geschichte das Heranreifen von Kirks Führungsqualitäten zu entdecken, wie er in einem Artikel auf Tor.com schreibt. Wie ihm das gelungen ist, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Was denkt er denn, wie ein guter Führer aussieht? Aber es wird noch schlimmer: In Wrath of Khan ist es Khans blindes Verlangen nach Rache, das seinen Untergang besiegelt. Bei Into Darkness erleben wir die genaue Umkehrung: Unsere Helden triumphieren, weil sich Spock von seinen Gefühlen übermannen lässt und den Tod seines Captains rächen will. Ausgerechnet Spock! Damit unterstreicht Abrams ein weiteres Mal, dass für ihn leidenschaftliche Gewalt allemal mehr wert ist als kühle Vernunft. Um noch einmal Mr. Poulastides zu zitieren: "Spock, the paragon of logic and reason, has everything to learn from Kirk, an inarticulate thug." Macht man sich klar, dass dies die Wertvorstellungen sind, die Into Darkness zugrunde liegen, dann erkennt man auch, wie verlogen die militarismuskritische Haltung ist, die der Film einem vorzugaukeln versucht. Was Kirk von Admiral Marcus unterscheidet, ist im Grunde nur, dass er eine Abneigung gegen Regeln und Disziplin hat.
Nach Into Darkness wünschte ich mir wirklich, man würde Star Trek endlich in Frieden sterben lassen. Angesichts des großen Erfolgs an den Kinokassen, der sich bereits deutlich abzeichnet, und der überwiegend positiven Kritiken, die der Film erhalten hat, ist davon freilich eher nicht auszugehen.


* Ich hatte mal eine Bekannte, die ein echter Trekkie war. Darum weiß ich, dass ich diesen Titel nicht zu tragen verdiene.
** Der Impulsantrieb ist nicht vom Warpkern abhängig und sollte völlig ausreichen, um die Enterprise in der Erdumlaufbahn zu halten.

Montag, 13. Mai 2013

Vielen Dank auch, Warner Bros ...

Ein dritter Dungeons & Dragons - Film?* Klingt das nicht ein bisschen so, als würde jemand verkünden, er wolle ein Sequel zu Howard the Duck oder Red Sonya drehen? D.h. wie das Projekt eines Menschen, dem man dringend dazu raten sollte, einen Psychotherapeuten aufzusuchen, bevor er sich und andere ins Unglück stürzt? Und doch haben die Bosse von Warner Bros. genau dies vor, nachdem sie kürzlich die Filmrechte zu D&D erworben haben. Man fragt sich: Warum? Und das nicht nur, weil die ersten beiden Versuche, den Urvater aller Fantasyrollenspiele als Grundlage für einen Film zu verwenden, so spektakuläre Gurken hervorgebracht haben. Ist D&D überhaupt noch ein Name, mit dem man genug Zuschauer & Zuschauerinnen ins Kino locken kann, um die doppelte Investition des Rechtekaufs und der Produktion eines einigermaßen ansehnlichen Fantasystreifens zu rechtfertigen? Bei Warner Bros. ist man offenbar dieser Meinung, und es soll sogar schon ein Script bereit liegen. Der Name des Autors lässt freilich wenig Gutes erwarten: David Leslie Johnson, seines Zeichens Verfasser der Drehbücher zu Clash of the Titans (2010) und Red Riding Hood (2011). Eher witzig mutet es dagegen an, dass einer der Produzenten Courtney Solomon sein wird, Regisseur des legendär miesen ersten Dungeons & Dragons - Flicks aus dem Jahre 2000.
Fast noch ein wenig bizarrer als die Ankündigungen aus Hollywood wirkten auf mich allerdings die Artikel, die in Reaktion darauf bei Tor.com  und Den of Geeks erschienen sind. Mordicai Knode und Liam Macleod versuchen beide, darzulegen, was es ihrer Meinung nach bräuchte, um einen "guten" D&D-Film zu kreieren. Dabei übersehen sie meiner Meinung nach eine Reihe wichtiger Punkte: 1) Warner Bros. hat nicht die Rechte an irgendwelchen Settings oder gar an den zahllosen D&D-Romanen erworben. Schon deshalb ist es ausgeschlossen, dass wir einen Greyhawk-, Ravenloft- oder Spelljammer-Film zu sehen bekommen werden. 2) Es ist naiv, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sich der Streifen als eine intelligente Auseinandersetzung mit dem Phänomen Rollenspiel entpuppen könnte, selbst wenn der Name David Leslie Johnson noch nicht gefallen wäre. Ganz offensichtlich geht es Warner Bros. darum, den dank Peter Jacksons Hobbit und HBOs Game of Thrones nach wie vor anhaltenden Fantasyboom auszubeuten. Ihr Ziel ist es nicht, ein Cabin in the Woods für RPGs zu schaffen. 3) Das Zielpublikum werden nicht in die Jahre gekommene Rollenspiel-Nerds sein. Es macht darum auch wenig Sinn, von einer Fanperspektive aus an diesen Streifen heranzugehen. Wir können froh sein, wenn es sich am Ende um ein einigermaßen unterhaltsames Fantasyabenteuer mit ein paar D&D-Monstern handeln wird, und nicht um ein weiteres "episches" Debakel wie Clash of the Titans.
Die beiden Artikel nebst dazugehörigen Kommentaren sind für mich in erster Linie Ausdruck einer unter Geeks recht verbreiteten Mentalität. Das über die Jahrzehnte zu großer Vielgestaltigkeit und Komplexität herangewachsene D&D - Universum ist für sie persönlich sehr wichtig, und darum erwarten sie, dass ein Dungeons & Dragons - Film dies irgendwie widerspiegeln müsste. Ich kann diesen Wunsch zwar nachvollziehen, halte ihn jedoch zugleich für sehr blauäugig. Natürlich hat Warner Bros. die Rechte an D&D erworben, weil sie hoffen, den Nostalgiewert des Namens ausschlachten zu können. {Das erscheint mir jedenfalls die einzig vernünftige Erklärung zu sein, denn das Filmfranchise ist höchstens für seine unterirdische Qualität berühmt.} Doch die Studiobosse wären schlechte Geschäftsleute, wenn sie einen Streifen produzieren lassen würden, der sich an den Wunschvorstellungen von Rollenspielfans orientiert. So etwas hätte man vermutlich nicht einmal in der Blütezeit von D&D gemacht, noch viel weniger heute. Das Zielpublikum wäre für einen Film, der ohne Zweifel Abermillionen Dollars kosten wird, einfach viel zu klein.

Sowohl bei Tor.com als auch bei Den of Geeks wird mehr als einmal die gute alte Dragonlance - Saga von Margaret Weis und Tracy Hickman als mögliche Vorlage für einen "guten" D&D-Film ins Spiel gebracht. Was mir augenblicklich in Erinnerung rief, dass es doch bereits eine Filmadaption von Dragons of Autumn Twilight gibt, auch wenn ich die bisher noch nicht gesehen hatte. Aber das könnte man ja ändern, und wären die aktuellen Diskussionen dafür nicht ein idealer Anlass? Gesagt, getan!


Jetzt weiß ich zumindest, wie man einen D&D-Film – ach, was sag ich: einen Fantasyfilm nicht machen sollte ...
Der unter der Regie von Will Meugniot (The Real Ghostbuster, Stargate: Infinity) 2008 produzierte Animationsfilm ist unter so gut wie jedem Blickwinkel eine Katastrophe.
Die Qualität der Zeichnungen ist bestenfalls mittelmäßig. Vieles wirkt schludrig gemacht und oft genug gibt es auffällige Unstimmigkeiten in Perspektive und Proportionen. Im Unterschied zum Rest des Films handelt es sich bei den Drakoniern um computergenerierte Figuren, was ausgesprochen irritierend wirkt. Einige Szenen, in denen man weite, offene Flächen zu sehen bekommt (den Dorfplatz von Solace, den Hof von Pax Tharkas), hinterlassen den Eindruck, als habe man nicht genug Geld zur Verfügung gehabt, um einen ausreichend großen Stab an Zeichnern und Zeichnerinnen zu engagieren, die die Leere mit Figuren oder anderen Details hätten ausfüllen können.
Sehr viel schlimmer noch sieht es allerdings auf erzählerischer Ebene aus. Nun sind die Dragonlance-Romane sicher keine literarischen Meisterwerke, aber ich denke doch, dass man aus Dragons of Autumn Twilight das Script für einen, wenn schon nicht originellen, so doch zumindest spannenden und einigermaßen stimmungsvollen Epic Fantasy - Streifen hätte herausdestillieren können. Doch gerade Spannung sucht man in Meugniots Film vergeblich. Man bekommt beinahe den Eindruck, Drehbuchautor George Strayton habe es bewusst darauf angelegt gehabt, bloß keine aufkommen zu lassen. So beginnt der Film nicht etwa mit der Wiedervereinigung der Gefährten im "Inn of the Last Home", sondern mit Szenen von Verminaard und seiner Drachenarmee, was alle späteren Gespräche über Gerüchte von Krieg und Chaos völlig uninteressant erscheinen lässt, da wir die Wahrheit ja bereits kennen. Ebenso bekommen wir unmittelbar vor dem ersten Auftreten der Drakonier den Kartentisch Verminaards zu sehen, auf dem kleine Drakonierfiguren die Position seiner Truppen bezeichnen. Wenn die mysteriösen Mönche kurz darauf ihre Kutten abwerfen und sich als geflügelte Echsenmenschen entpuppen, wird uns das kaum mehr beeindrucken. Aber es wird noch schlimmer. Alle Passagen, die am ehesten geeignet gewesen wären, eine spannende Atmosphäre heraufzubeschwören, sind radikal zusammengestrichen worden. Das gilt vor allem für Xak Tsaroth und Pax Tharkas. Sowohl der Vorstoß in die von Onyx und ihren Drakoniern besetzte Untergegangene Stadt als auch das Eindringen in Verminaards Festung wird in wenigen Minuten abgehandelt. Grund hierfür dürfte es vermutlich gewesen sein, dass die Macher unbedingt etwas bedeutungsvolleres schaffen wollten als einen simplen Fantasystreifen. Statt neckischer Abenteuer mit grausigen Drachenmenschen, verfallenen Metropolen und staubigen Grüften sollten dabei offenbar Tanis' "Seelenqualen" im Zentrum stehen. Was dazu geführt hat, dass viel Zeit mit ebenso langweiligen wie banalen Monologen und Gesprächen verplempert wird.
Kurioserweise tritt damit auch die religiös-konservative Grundidee der Geschichte sehr viel deutlicher hervor, als mir das aus den Büchern in Erinnerung war: Die Welt droht deshalb unter die Herrschaft des Bösen zu geraten, weil sich die Menschen von den "wahren" Göttern abgewandt haben, die sie in ihrer Verblendung auch noch für das Elend, das über sie gekommen ist, verantwortlich machen. Der Weg zu Rettung und Erlösung aber führt über den unerschütterlichen Glauben in die himmlischen Mächte. Klingt das nicht verdächtig nach dem, was Prediger und Fundamentalisten {nicht nur} in den USA tagtäglich verkünden? Man braucht bloß die "Götter des Lichtes" durch "Our Lord Jesus Christ" zu ersetzen.

Der Eindruck war so penetrant, dass mir auf einmal auch wieder zu Bewusstsein kam, wie viele spezifisch mormonische Elemente sich in den frühen Dragonlance-Büchern finden. Tracy Hickman ist bekanntermaßen ein frommes Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", und das hat deutliche Spuren hinterlassen.
Da wären zuerst einmal die Figuren von Goldmoon und Riverwind. Die "Plainspeople" sind sehr deutlich nach dem Vorbild der amerikanischen Ureinwohner gezeichnet,** doch im Unterschied zum dunkelhäutigen und -haarigen Riverwind ist "Chieftain's Daughter" eine platinblonde Schönheit. Nun basiert die gesamte Geschichtsmythologie der Mormonen auf der absurden Vorstellung, Amerika sei einstmals von Israeliten bevölkert worden. Die Vorfahren der heutigen Indianer aber seien die von Gott verfluchten Lamaniten, von denen es im Buch Mormon heißt: "Und da sie sehr weiß, schön und angenehm gewesen, ließ Gott, der Herr ihre Haut dunkel werden, so daß sie mein Volk nicht mehr verführen konnten" (2 Nephi 5, 21). Wundert es da noch jemanden, dass Goldmoon, die dazu berufen ist, den "wahren" Glauben in die Welt zurückzubringen, milchig weiße Haut und blonde Haare hat?
Dann gäbe es da die "Disks of Mishakal", deren Auffinden und Entschlüsseln im Zentrum von Dragons of Autumn Twilight steht. Hmmm ... Platten aus Edelmetall, in die die "wahre Lehre" eingeschrieben ist. Woran erinnert mich das denn bloß? – Ach ja, hatte Joseph Smith – der Gründer der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" – nicht behauptet, das Buch Mormon in Form geheimnisvoller Goldplatten aus dem Hügel "Cumorah" ausgegraben und anschließend mit Hilfe seiner "Prophetenbrille" übersetzt zu haben? Koinzidenzen ohne Grenzen!
Und schließlich hätten wir noch die Figur des Elistan, der zum religiösen und politischen Führer seines Volkes wird, und dieses aus der Sklaverei in die Freiheit und zum "wahren" Glauben führt. Nicht zufällig nahm sich der große TSR-Illustrator Larry Elmore für dessen Porträt Charlton Hestons Moses aus The Ten Commandments zum Vorbild. Und die Mormonen wiederum haben ihre Wanderung von der Ostküste nach Utah stets in Parallele zur biblischen Wüstenwanderung des Volkes Israel gesehen.

Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht hat Warner Bros.'s Ankündigung jetzt ja doch noch zu einigen interessanten Resultaten geführt ...

* Genau genommen gibt es bereits einen dritten D&D-Film: The Book of Vile Darkness aus dem Jahr 2011, der allerdings nie fürs Kino gedacht war, sondern direkt für den DVD-Markt produziert wurde.
** Vgl. Keith Parkinsons Bild des Paares. 

Einfach nur cool !

Astronaut Chris Hadfield singt David Bowies Space Oddity an Bord der ISS:

Dienstag, 7. Mai 2013

R.I.P. Ray Harryhausen

Gestern starb im Alter von 92 Jahren mit Ray Harryhausen einer der ganz großen Magier der Kinogeschichte. Er war nicht nur der wahrscheinlich genialste Stop-Motion-Künstler aller Zeiten, sein Name wird auch auf immer verbunden bleiben mit einer Form des phantastischen Abenteuerfilms, wie wir sie heutzutage so schmerzlich vermissen. The Seventh Voyage of Sinbad (1958), Jason and the Argonauts (1963), The Golden Voyage of Sinbad (1974) oder Clash of the Titans (1981). Man muss sich zum Vergleich nur einmal das grauenhafte Reboot des letzteren aus dem Jahre 2010 anschauen, um zu verstehen, was uns verloren gegangen ist. Es war kein Zufall und nicht allein dem Alter geschuldet, dass Harryhausen seine Arbeit in den 80er Jahren mehr oder weniger einstellte. Wie er 2005 in einem Interview mit Allesfilm erklärte: "Der Geschmack des Publikums schien sich geändert zu haben. [...] Außerdem war die Art von Filmen, welche die Produktionsfirmen forcierten, nicht gerade mein Ding. Ich dachte, sie hätten genug von mir." In der Ära des Action-Blockbusters mussten er und seine fantasievollen, märchenhaften Kreationen wie naive Fossilien aus einem lang zurückliegenden, unschuldigeren Zeitalter wirken. Doch gerade deshalb werden ihm wirkliche Freunde & Freundinnen des phantastischen Films auf immer einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen bewahren. Um wieviel ärmer wäre die Welt, hätte es seine Dinosaurier und Ungeheuer, seine Zyklopen, Hydras und Skelettkrieger nicht gegeben.

 
PS: Siehe auch Ryan Harveys Remembering Ray Harryhausen, Alex Browns The Monster Magician und den Nachruf der Classic Horror Campaign.

Samstag, 4. Mai 2013

Jim Moons Wolkenland des Wunderbaren


Cloudland

A faery land is this that far and high
And all suffused with tints of pearl and rose,
Above the crimson sunset hangs and glows,
By unseen hands upborne 'twixt earth and sky.
Vales long and broad and piléd mountains lie,
Upon their pinnacles eternal snows
Within its bounds; a silv'ry river flows
Across yon plain within a lake to die.


Beside that lake a city great and fair
With opal walls and palaces doth stand,
Its minarets agleam with magic light.
How high and tapering they rear in air
O'er rounded domes where banners fanned
By phantom winds wave beautiful and bright!
Clark Ashton Smith
(Quelle: eldritchdark)

Allen, die das Phantastische und Wunderbare, das Bizarre und Makabre lieben, sei hiermit ans Herz gelegt, Mr. Jim Moons Soundcloud einen Besuch abzustatten und sich dort Verse von H.P. Lovecraft, Wilfred Owen, Edgar Allan Poe, J.R.R. Tolkien und anderen Meistern vortragen zu lassen.

Eine CAS-Verfilmung? Nicht wirklich, aber ...

Ich könnte diesen Eintrag mit einem langen Sermon über die schlechte alte britische Tradition beginnen, die Kultur und Religion Indiens als dekadent, obszön, unheimlich und bedrohlich darzustellen, und als Kronzeugen dafür Autoren wie Wilkie Collins, Arthur Conan Doyle und natürlich Rudyard Kipling aufrufen. Im Anschluss daran wäre es ein Leichtes, zu zeigen, dass Freddie Francis' Film The Ghoul von 1975 in genau dieser Tradition steht, woraufhin mir nichts weiter zu tun übrig bliebe, als den Flick als ein rassistisches Machwerk zu verdammen und zur Tagesordnung überzugehen. Doch genau dies werde ich nicht tun. Nicht, weil der Rassismus nicht wirklich bedenklich wäre, sondern weil der Film meiner Meinung nach trotzdem sehenswert ist, und ich außerdem eine ganz andere Frage stellen will: Wurde The Ghoul von Clark Ashton Smiths Kurzgeschichte The Nameless Offspring inspiriert?

Als ein Film der Mittsiebziger wirkt The Ghoul sehr altmodisch. Die goldene Ära des Brit-Horrors war zu diesem Zeitpunkt längst vorbei. Spätestens der große internationale Erfolg von The Exorcist (1973) hatte gezeigt, dass das Genre endgültig in eine neue Ära eingetreten war.* Amicus hatte sich daraufhin seinen Edgar Rice Burroughs - Adaptionen zugewandt, während Hammer vergeblich versuchte, seinen Niedergang an den Kinokassen mit so charmanten Kuriositäten wie dem in Kooperation mit Hongkongs Shaw-Brüdern entstandenen Horror/Martial Arts - Mix The Legend of the 7 Golden Vampires aufzuhalten.
Veteran Freddie Francis hatte in der Vergangenheit etliche Male für beide Hochburgen des Brit-Horrors gearbeitet. Für Hammer waren unter seiner Regie Paranoic (1962), Nightmare (1964), The Evil of Frankenstein (1964), Hysteria (1965) und Dracula Has Risen from the Grave (1968) entstanden. Für Amicus hatte er Dr. Terror's House of  Horrors (1965), The Skull (1965), The Psychopath (1966), The Deadly Bees (1967), They Came from Beyond Space (1967), Torture Garden (1967) und Tales from the Crypt (1972) gedreht. Daneben hatte er außerdem noch bei Tigons The Creeping Flesh (1973) auf dem Regiestuhl gesessen. Wie man sieht, war er mit dem Genre ähnlich eng verbunden wie etwa dessen große Stars Christopher Lee oder Peter Cushing. Und bevor er sich in den 80er Jahren wieder seiner ursprünglichen Berufung als Kameramann zuwandte und neuen Ruhm mit der Arbeit an David Lynchs The Elephant Man (1980) und Dune (1982), Walter Murchs Return to Oz (1985) und Edward Zwicks Glory (1989) erwarb, drehte er 1975 noch zwei Horrorflicks für Tyburn Film Productions: The Ghoul und Legend of the Werewolf.
Tyburn war ein eigentümliches und von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. Gegründet von Freddie Francis' eigenem Sohn Kevin, hatte es sich die Produktionsfirma zum Ziel gesetzt, den klassischen Brit-Horror  trotz der eigentlich so offensichtlichen Trendwende weiter am Leben zu erhalten. Für dieses irgendwie sympathische, aber auch schrecklich realitiätsferne Projekt hatte Kevin Francis nicht nur seinen Vater, sondern auch den altgedienten Hammer-Autor Anthony Hinds (alias John Elder) und vor allem den großen Peter Cushing gewinnen können. Mit einem äußerst kleinen Budget ausgestattet, machten sie sich gemeinsam daran, eine Art Zeitreise in die Mitte der 60er Jahre zu starten. Denn selbst im Vergleich zu den Hammer-Produktionen der frühen 70er wirkt The Ghoul überraschend altbacken. Hatte der späte Brit-Horror versucht, seinen Niedergang durch etwas mehr Sex und Gewalt hinauszuzögern, sucht man in diesem Flick vergeblich nach nackten Brüsten oder Strömen von Blut. Für sich genommen spricht das weder für noch gegen ihn, unterstreicht aber doch sehr deutlich, dass Tyburn ein Projekt hoffnungsloser Nostalgiker war. Was natürlich auch bedeuten könnte, dass mir The Ghoul deshalb gefallen hat, weil ich selbst alles andere als frei von nostalgischen Sehnsüchten bin.

Die Geschichte beginnt mit dem, was wir uns wohl als die typische Freizeitbeschäftigung der Upper Class - Jugend der Goldenen Zwanziger vorstellen sollen: Einer wilden Party, viel Champagner und einem spontanen Autorennen durchs nächtliche England Richtung Land's End. Dummerweise geht Billy (Stewart Bevan) und Angela (Alexandra Bastedo) dabei mitten in den nebelverhangenen Mooren von Cornwall der Sprit aus, und als der junge Mann auf der Suche nach einer Tankstelle zu lange ausbleibt, macht sich die alles andere als unselbstständige Angela selbst auf den Weg. Sie stößt auf ein einsames Herrenhaus und den offensichtlich geistig zurückgebliebenen Tom (John Hurt), der sie erst am Betreten des Anwesens zu hindern versucht, um sie dann niederzuschlagen und in seine eigene Kate zu schleppen. Doch Angela ist keine hilflose "damsel in distress". Sie setzt Tom mit einem gezielten Tritt zwischen die Beine außer Gefecht und flieht in Richtung Herrenhaus, wo sie auf den Besitzer Dr. Lawrence (Peter Cushing) stößt.
Der höfliche Gentleman und passionierte Violinenspieler ist ein ehemaliger Priester und Missionar, der seit seiner Rückkehr aus Indien hier das Leben eines Einsiedlers führt. Neben Tom besteht die Dienerschaft lediglich aus der "mysteriösen" Inderin Ayah (Gwen Watford). Im Laufe des Abends erzählt Lawrence, wie er seinen Glauben an Gott verlor, als er miterleben musste, wie sich seine Ehefrau und sein Sohn – verführt von einem indischen Prinzen – irgendeinem "perversen", "orientalischen" Kult anschlossen. Seine Frau habe später Selbstmord begangen.
Nachdem sich Angela zu Bett begeben hat, beginnt Ayah eine "heidnische" Zeremonie durchzuführen und öffnet anschließend eine Tür im Obergeschoss. Von dem zuvor dort eingesperrten Wesen, das sich sofort in Angelas Schlafzimmer aufmacht, um die junge Frau zu ermorden, sehen wir nur die nackten, sandalenbewehrten Füße. Als nächstes erleben wir, wie Ayah am nächsten Morgen den Leichnam als Essen für den "Ghul" zubereitet.
Um es kurz zu machen: Der Eingesperrte ist Lawrence' Sohn, der in Indien zum Kannibalen geworden ist. Im Rest des Films bekommen wir dann erzählt, wie das zweite an dem Autorennen beteiligte Paar Geoffrey (Ian McCulloch) und  Daphne (Veronica Carlson) – auf der Suche nach ihren verschwundenen Freunden ebenfalls zu dem Herrenhaus gelangt, woraufhin erwartungsgemäß das blutige Finale steigen kann.

Der Film lebt vor allem vom exzellenten Spiel Peter Cushings und John Hurts.
Lawrence ist eine von Verlust und Schuld gequälte Seele. Er weiß ganz genau, welch furchtbare Dinge sich unter seinem Dach abspielen, und da es dabei um seinen Sohn geht, tut er alles notwendige, damit sich daran auch in Zukunft nichts ändert. Zugleich jedoch ist er bemüht, die blutige Realität aus seinem Bewusstsein zu verdrängen, und überlässt alle praktischen Schritte Tom und Ayah. Während Angela ermordet wird, sehen wir ihn z.B. wie besessen Geige spielen.  Cushing versteht es meisterhaft, dieser tragischen Gestalt Leben einzuhauchen.**
Fast noch beeindruckender ist Hurts Leistung. {Einmal ganz davon abgesehen, dass es ein eigenartiges Erlebnis ist, einen jugendlichen John Hurt zu sehen.} Tom ist kein gruseliger Diener Marke Igor, sondern ein vielschichtiger Charakter. Sein offensichtliches Verlangen, sowohl Angela als auch Daphne zu vergewaltigen {was ihm bei keiner der beiden gelingt}, macht ihn nicht eben zu einem Sympathieträger, doch gleichzeitig vermittelt uns der Film sehr deutlich, dass Tom ein Mensch ist, der Zeit seines Lebens erniedrigt und missbraucht wurde. Dies hat seine Persönlichkeit geprägt, und viele seiner Handlungen stellen missgeleitete Versuche einer Rebellion gegen diejenigen dar, die er {nicht ganz zu unrecht} für seine Lage verantwortlich macht. Er hasst es, herablassend behandelt zu werden {"Don't call me names!"}, und kann doch nicht anders, als zu gehorchen, wenn ihm jemand mit (männlicher) Autorität entgegentritt – so wie etwa der ehemalige Offizier Geoffrey. Und in gewisser Weise hat er zu Beginn ja tatsächlich versucht, Angela vor dem Tod zu bewahren. Er ist eine zugleich abstoßende und mitleidserregende Kreatur.
Ein kleiner Bonus für Genrefans ist der Auftritt Ian McCullochs, der sich vier Jahre später mit Lucio Fulcis Zombie Flesh-Eaters für ewig in die Annalen des Horrorfilms eintragen sollte. Die große Enttäuschung hingegen ist das finale Erscheinen des "Ghuls". Solange man nur seine Füße zu sehen bekommt, gelingt es dem Flick, eine unheimliche Atmosphäre aufrecht zu erhalten. Doch sobald wir ihn in seiner ganzen grünstichigen, fettleibigen Herrlichkeit zu sehen bekommen, ist es aus mit der Stimmung. Aber so bedauernswert das auch ist, es bleibt ein eher marginales Problem.

Jetzt aber endlich zu meiner anfänglich gestellten Frage: Ist The Ghoul eine CAS - Adaption? Die einfache Antwort ist "nein". Und wahrscheinlich ist das sogar ganz gut so, denn der dekadente Zauber von Klarkash-Tons Erzählungen, der sehr viel stärker auf der Atmosphäre als auf der Handlung beruht, ließe sich vermutlich nur schwer ins Medium Film übertragen. Und wenn überhaupt, so wäre das klassische Brit-Horror-Format dafür wohl kaum der geeignetste Weg. Allerdings weist Freddie Francis' Film tatsächlich eine Reihe auffälliger Parallelen zu der erstmals 1932 im Magazine of Horror erschienenen Kurzgeschichte The Nameless Offspring auf.
Der Erzähler von Smiths Story macht eine Motorradtour durch England und gelangt, nachdem er sich offenbar verfahren hat, in einer nebligen Nacht zufällig zu einem abgelegenen Herrenhaus, in dem ein ältlich wirkender Gentleman – Sir John Tremoth – mit seinem Butler Harper in eremitenhafter Zurückgezogenheit lebt. Doch die beiden sind nicht die einzigen Bewohner von Tremoth Hall. In einem seit Jahren fest verriegelten Zimmer haust ein leichenfressender Ghul, der Sohn von Sir Johns verstorbener Gattin.
Die Ähnlichkeiten sind denk ich auffällig. Die zentrale Idee der Story freilich ist eine völlig andere als in Francis' Film. Smiths Ghul ist kein degenerierter Mensch, sondern ein wirkliches Monster, und vermutlich nicht einmal der biologische Nachkomme von Sir John. Wie der Autor in einem Brief an H.P. Lovecraft erklärt hat***, stammte die Inspiration für die Geschichte aus Arthur Machens The Great God Pan. Hinzu kommt der offensichtliche Einfluss von Poes The Fall of the House of Usher. Ganz wie Rodericks Zwillingsschwester Madeline ist auch Sir Johns Ehefrau einst in eine kataleptische Starre verfallen und wurde daraufhin lebendig begraben. Ihr Schicksal war freilich noch grauenerregender, wurde sie in diesem Zustand doch scheinbar von irgendeinem monströsen Bewohner der Grüfte und Grabgewölbe vergewaltigt, woraufhin sie neun Monate später den Ghul gebar und im Kindbett starb.
So gesehen bleibt vielleicht nicht mehr viel von den Parallelen übrig. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass es eine Verbindung zwischen Kurzgeschichte und Film gibt. Auch wenn ich dafür keinerlei handfeste Belege habe, würde es mich nicht wundern, wenn Drehbuchautor Anthony Hinds aka John Elder einen Teil seiner Inspiration von dort bezogen hätte. Bis zu den Pulps hätte er dafür nicht zurückgehen müssen, wurde die Story doch auch in der 1960 erstmals erschienen und 1972 noch einmal aufgelegten Anthologie The Abominations of Yondo abgedruckt.


* Uns heute mögen George Romeros Night of the Living Dead (1968) und Tobe Hoopers Texas Chainsaw Massacre (1974) als bedeutendere Vertreter dieses Wandels erscheinen, sie hatten jedoch keine so unmittelbare Auswirkung auf den damaligen Filmmarkt wie Friedkins Streifen.
** In einer Szene sehen wir Lawrence ein Bild seiner verstorbenen Gattin betrachten. Tatsächlich ist auf dem Foto Cushings 1971 verstorbene Ehefrau Helen zu sehen, deren Tod den Schauspieler an den Rand des Selbstmords gebracht hatte.
***c. 27. Januar 1931. Vgl.: D.E. Schultz & S. Connors (Hg.): Selected Letters of Clark Ashton Smith. S. 145f.