"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 1. Februar 2013

Der ehrliche Romantiker

Eigentlich sollte mir SF-Autor David Brin ja sympathisch sein. In einer Zeit, in der das Erbe der Aufklärung beständigen Angriffen nicht nur von Seiten religiöser Obskurantisten, sondern auch von Seiten "linker", postmodernistischer Intellektueller ausgesetzt ist, müsste einem jede Stimme, die für aufklärerische Ideen eintritt, eigentlich Gold wert sein. Und doch habe ich so meine Probleme mit ihm. Da wäre etwa sein naiver Glaube an den Kapitalismus, der bloß hundertprozentig transparent gemacht werden müsse, um den Völkern zum Segen zu gereichen; seine bornierte Verachtung für alte Literaturformen wie Heldenepos (Ilias) oder griechische Tragödie (Oedipus), in denen er bloß langweilige Dokumente eines unemanzipierten und despotischen Zeitalters zu erkennen vermag; die unüberlegte Art, in der er kollektives Handeln mit dem Vertrauen in staatliche Institutionen gleichsetzt; sein recht peinlicher US-Patriotismus; sein überzogener (wenn auch in der Sache gerechtfertigter) Hass auf George Lucas und Star Wars  usw. Und selbst dann, wenn ich inhaltlich mit ihm übereinstimme, hat er irgendetwas an sich, was mich aus unerfindlichen Gründen ganz schrecklich irritiert.

Dass ihm Tolkiens Herr der Ringe zutiefst suspekt ist, versteht sich von selbst. Das Buch ist da gibt es nun mal nichts dran zu deuteln  ein antimodernes und antiaufklärerisches Werk. Und Brin schien mir lange Zeit nicht der Mann zu sein, der in einem solchen Fall zu einer differenzierteren Betrachtungsweise fähig wäre.  Ich war daher freudig überrascht, als er vor einiger Zeit in einem Interview mit Geek's Guide to the Galaxy einige sehr wohlwollende und einsichtsvolle Bemerkungen über den "Professor" machte:
I really respect and admire Tolkien. I think he was the most honest of the Romantics. It happens I think that Romanticism is an enemy meme. I think it is deeply contrary to the Enlightenment, and deeply harmful. But Tolkien himself was the most incredibly honest Romantic. He himself pointed out the flaws of the elves and the drawbacks of Romanticism. I respect Tolkien. If I had gone to World War I like he did and watched the flower of my generation mowed down by machine guns, I might have turned against modernity too.
Was mich daran besonders erstaunt hat ist, wie klar Brin einen Zug in Tolkiens Werk erkannt hat, der mir von vielen Fans des "Professors" übersehen zu werden scheint. "Der ehrliche Romantiker" ... die Charakterisierung gefällt mir.
Der Herr der Ringe ist bekanntlich durchtränkt von einer tiefen Melancholie, einer wehmutsvollen Trauer über einen nie wieder gut zu machenden Verlust. Die Gegenwart ist eine Zeit des Niedergangs. Die Vergangenheit war edler, schöner und erhabener – und sie wird nie mehr wiederkehren. Ein hübsches Beispiel dafür sind die Verse, die Aragorn vor den Toren von Edoras in Rohan rezitiert:
Where now the horse and the rider? Where is the horn that was blowing?
Where is the helm and the hauberk, and the bright hair flowing?
Where is the hand on the harpstring, and the red fire glowing?
Where is the spring and the harvest, and the tallcorn growing?
They have passed like rain on the mountain, like wind in the meadow;
The days have gone down in the West behind the hills into shadow.
Who shall gather the smoke of the dead wood burning,
Or behold the flowing years from the Sea returning. 

Das Gedicht gewinnt noch an Intensität, sobald man sich klarmacht, dass seine Eingangszeile auf einen Vers aus The Wanderer anspielt einem altenglischen Stabreimgedicht über die Vergänglichkeit alles Irdischen: "Hwær cwom mearh, hwær cwom mago?" = "Wo ist das Ross, wo ist der junge Mann/Reiter?" (V. 92)

Die "Herzensfolter des Gedenkens an die verschwundene Vergangenheit" war für Tolkien ein Gefühl, das ihm sehr vertraut war und ihn "zuhöchst bewegt[e]". (1) Seine stärkste und zugleich komplexeste Verkörperung fand es in Gestalt der Elben. In der Folge wurde daraus ein Klischee der tolkienesken High Fantasy, so dass Diana Wynne Jones schließlich in ihrem hübschen Tough Guide to Fantasyland schreiben konnte:
In fact, Elves appear to have deteriorated generally since the coming of humans. If you meet Elves, expect to have to listen for hours while they tell you about this – many Elves are great bores on the subject – and about what glories there were in ancient days. They will intersperse their account with nostalgic ditties (songs of aching beauty [OMT]) ... (2)
Bei Tolkien selbst jedoch handelte es sich dabei noch nicht um eine inhaltslose Konvention.

Ich habe das Gefühl, dass die Elben zu den am häufigsten missverstandenen Elementen der tolkienschen Mythologie gehören. Viele scheinen in ihnen eine Art Übermenschen zu sehen, deren einziger Fehler in ihrem Hang zur Arroganz besteht. Ein sehr gutes Beispiel für diese oberflächliche Betrachtungsweise ist die Darstellung Elronds in Peter Jacksons Herr der Ringe - Filmen. In einem Interview mit Philippa Boyen sagte der Regisseur:
He [Tolkien] also had a great pessimism, or rather, a melancholy about him and a lack of confidence in mankind. Which is really part of what he was venting about. He was aware of and frustrated with how flawed we are. He created the Elvish race as his perfect ideal beings. They were wise, they were artistic, they were noble, they were sensible, basically. They were full of common sense, if you want to describe the Elves in the other direction. [laughs] They embody basic common sense. The world was ok as long as the Elves were in charge, but of course, The Lord of the Rings is about the time when the Elves were departing.
And who's going to inherit this thing? Well, it's going to be men, and men, well, they squabble, they kill each other, they're territorial, they're petty, they're full of greed. The book is sort of a sad reflection on the fact that what was once great and pure and noble is now going to fall into the hands of these people called "man" or "mankind." And sure, I think Tolkien's right. I think everything we do today, yesterday and tomorrow is proving Tolkien to be completely right. The Elves should make their way back here. And take control again! Then the world would be a better place.
Tatsächlich ist die Machtgier der Menschen die zentrale Idee seiner Adaption des Romans. Doch ist das jetzt nicht das Thema. Mir geht es vielmehr darum, mit welcher Selbstverständlichkeit Jackson von den Elben als "perfect ideal beings" spricht und dazu erklärt: "The world was ok as long as the Elves were in charge". Wer das Silmarillion gelesen hat, weiß, dass letztere Behauptung schlicht falsch ist. Das Buch erzählt in erster Linie von elbischen Charakteren und doch finden sich in ihm genug Geschichten über Hochmut, Gier, Brudermord, Rachsucht und Verrat. Natürlich stimmt es, dass die Elben im Ganzen betrachtet idealisierte Figuren sind. Sie verkörpern bestimmte Aspekte des Menschseins in besonders reiner Form. So sind sie vor allem vollkommene Künstler und im Unterschied zu den Menschen ist ihre Beziehung zur Welt in erster Linie eine ästhetische. Das macht sie jedoch nicht automatisch auch zu moralisch überlegenen Wesen.
Tolkiens Biograph Humphrey Carpenter hat in ihnen ein Bild des "Menschen vor dem Sündenfall" sehen wollen, aber auch diese Interpretation trifft es wohl nicht ganz. (3) Im Silmarillion erleben die Elben vielmehr ihre eigene Version des Sündenfalls, der Vertreibung aus dem Paradies und der Verfluchung durch die himmlischen Mächte. Lediglich ihre Unsterblichkeit macht sie dem paradiesischen Menschen der christlichen Mythologie ähnlich. Doch bildet gerade sie den Ausgangspunkt für ihre größte Schwäche. Eine Schwäche, in deren Schilderung Tolkien sich in der Tat als der "ehrliche Romantiker" erweist, von dem Brin spricht.

Nicht zu sterben und den "Kreisen der Welt" für immer entfliehen zu können, wird für die Elben mit der Zeit zu einer immer schweren Last. Als quasi unveränderliche Wesen sind sie gefangen in einer Welt ständigen Wandels. Sie lieben die Schönheiten Mittelerdes und müssen doch immer wieder miterleben, wie diese verfallen und vergehen. Die einzige Alternative, die ihnen offensteht, ist die Fahrt über das Meer zur Insel Tol Eressea am Rande des Irdischen Paradieses Valinor. Doch dann müssten sie der übrigen Welt für immer den Rücken kehren. In ihnen erwacht deshalb der Wunsch, die Entwicklung künstlich aufhalten zu können. Nichts soll sich mehr verändern! Alles soll so bleiben, wie es ist! Dieser Wunsch führt einen Teil der Elben zur Zusammenarbeit mit Sauron bei der Erschaffung der Ringe der Macht.
In einem Brief an Naomi Mitchison schrieb Tolkien darüber:
Manche Rezensenten haben die ganze Sache einfältig gefunden, bloß ein simpler Kampf zwischen Gut und Böse, wo die Guten alle bloß gut und die Bösen alle bloß böse sind . [...] Aber die Elben sind nicht gänzlich gut oder im Recht. Nicht so sehr, weil sie mit Sauron geflirtet haben, als vielmehr, weil sie ‘Balsamierer’ waren, ob mit oder ohne seine Hilfe. Sie wollten auf zwei Hochzeiten tanzen: in dem sterblichen historischen Mittelerde leben, weil sie es liebten (und vielleicht auch, weil sie dort die Vorteile einer Oberkaste genossen), und darum versuchten sie Wandel, Geschichte und Wachstum anzuhalten, es sich zu erhalten als einen Lustgarten, über weite Strecken sogar als eine Einöde, wo sie als ‘Künstler’ leben konnten - und sie waren schwer bedrückt von Trauer und nostalgischem Jammer. (4)
Anders als Sauron streben die Elben nicht nach Herrschaft, denn sie wollen die Welt nicht nach ihren eigenen Vorstellungen umgestalten. Doch der Wunsch, jede weitere Entwicklung aufzuhalten, ist im Grunde ebenso falsch und egoistisch. Als Sauron in der Gestalt Annatars, des "Herrn der Geschenke", zu den Elbenschmieden von Ost-in-Edhil kommt und ihnen anbietet, sein Wissen mit ihnen zu teilen, um Mittelerde in ein Paradies zu verwandeln, können sie der Versuchung nicht widerstehen. Hier scheint sich ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihren großen Wunschtraum Wirklichkeit werden zu lassen. Aus dieser Zusammenarbeit entstehen die Ringe der Macht. Deren wichtigste Eigenschaft scheint es zu sein, den Lauf der Zeit anzuhalten. Im Falle der Neun (und des Einen) bewirkt dies, dass ihre Träger nicht länger altern und schließlich eine Art pervertierter Unsterblichkeit erlangen. Auf andere Weise zeigt sich dieselbe Macht auch bei den Drei. Am deutlichsten wird dies am Beispiel Galadriels, die ihren Ring dazu verwendet, Lórien in ein Reich zu verwandeln, in dem die Entwicklung der Welt zum Stillstand gekommen zu sein scheint.
Im Herr der Ringe werden Frodos Empfindungen beim Betreten dieses Landes so beschrieben:
Von dem Augenblick an, als er den Fuß auf das jenseitige Ufer des Silberlaufs gesetzt hatte, war er von einem seltsamen Gefühl befallen worden, und es verstärkte sich, als er jetzt weiter in den Naith hineinkam: ihm schien, er habe über eine Brücke der Zeit einen Winkel der Altvorderenzeit betreten und ergehe sich jetzt in einer Welt, die nicht mehr war. In Bruchtal lebte die Erinnerung an die alten Dinge; in Lorien lebten die alten Dinge noch in der lebendigen Welt
Als er sein Gefühl etwas später einem der Elben gegenüber in Worte zu fassen versucht, erwiedert dieser: "Du spürst die Macht der Herrin der Galadrim". Damit spielt Haldir auf die Macht des Ringes Nenya an. Interessanterweise ist es Sam, der die Elben auf so kindlich-naive Art liebt, der das Wesen Lóriens und seiner Bewohner am ehesten zu begreifen scheint, wenn er zu Frodo sagt: "Ob sie das Land gemacht haben oder das Land sie, ist schwer zu sagen, wenn du weißt, was ich meine. Es ist wundervoll still hier. Nichts scheint zu geschehen, und offenbar will das auch niemand." (5)
Die Elben leben im wahrsten Sinne des Wortes in der Vergangenheit. Obwohl sie nicht bereit sind, endgültig Abschied zu nehmen und über das Meer zu fahren, haben sie sich doch längst von der realen Welt abgewandt. Baumbart sagt über Lórien: "Das Land des Tals des Singenden Goldes war es einstmals. Jetzt ist es die Traumblume. Nun ja! [...] Sie bleiben hinter der Welt zurück da drinnen vermute ich." Die Elben sitzen in ihrer "Zeitkapsel", ergehen sich in nostalgischer Trauer und machen "Gedichte über die Tage, die niemals wieder kommen werden. Niemals wieder." (6) Sie greifen nicht mehr aktiv in die Geschehnisse der Welt ein und haben wenig Interesse an den Geschicken der anderen Völker, wie Gildor Frodo erklärt: "Die Elben habe ihre eigene Bürde zu tragen und ihre eigenen Sorgen, und sie kümmern sich wenig um die Wege der Hobbits oder irgendwelcher anderen Geschöpfe auf der Welt." Der Ringkrieg ist im Grunde nicht ihr Konflikt, denn sie werden so oder so als Verlierer aus ihm hervogehen. Sollte der Eine Ring tatsächlich zerstört werden, würde dies auch die Macht der Drei beenden, und der Schutzwall gegen den Lauf der Geschichte, den die Elben um ihre Zufluchtsstätten errichtet haben, bräche zusammen. Galadriel sagt zu Frodo:

Begreifst du jetzt, warum dein Kommen für uns wie ein Vorbote des Schicksals ist? Denn wenn du scheiterst, dann werden wir dem Feind offenbart. Doch wenn du Erfolg hast, dann wird unsere Macht gemindert und Lothlórien wird vergehen, und die Fluten der Zeit werden es hinwegspülen. Wir müssen nach dem Westen ziehen oder ein Landvolk der Täler und Höhlen werden, das langsam vergißt und vergessen wird. (7)
Die höhnischen Worte, die der gedemütigte Saruman nach dem Untergang Saurons an Galadriel richtet, enthalten mehr als nur ein Körnchen Wahrheit:
Ich habe nicht umsonst diese Dinge lange erforscht. Ihr habt euch selbst verurteilt, und ihr wißt es. Und wenn ich wandere, wird mir der Gedanke einigen Trost gewähren, daß ihr euer eigenes Haus niedergerissen habt, als ihr meines zerstörtet. Und welches Schiff wird euch nun zurücktragen über ein so weites Meer? [...] Ein graues Schiff wird es sein, und voller Gespenster. (8)

Das tragische Schicksal der Elben enthält viel von Tolkiens eigenem Lebensgefühl. Gleich diesen musste er hilflos mitansehen, wie all das, was er liebte, von der historischen Entwicklung zerstört wurde. Das 20. Jahrhundert schien ihm eine unmenschliche "Roboterzeit" zu sein, "in der sich Reichtum und Perfektion der Mittel mit Häßlichkeit zu einem (oftmals minderwertigen) Produkt vereinen", und "das Leben und Arbeiten der Menschen [...] mit beängstigender Geschwindigkeit immer barbarischer" wird. (9) Die Welt war in seinen Augen zu einem Ort geworden, "wo die Diener Morgoths angebetet werden" (10) – "Mordor mitten unter uns". (11) Und so wie die Elben sich schließlich in ihre kleinen, vom Lauf der Zeit abgeschotteten Refugien zurückziehen, fühlte auch er sich mehr und mehr in eine Art inneres Exil gedrängt. Wie er im Dezember 1943 seinem Sohn Christopher schrieb:
Ich frage mich, ob es (wenn wir diesen Krieg überleben) nachher für reaktionäre Fossilien wie mich (und Dich) noch irgendeine Nische geben wird, wenn auch nur ein Plätzchen zum Leiden. Je mehr sich die Dinge ins Große auswachsen, desto kleiner, öder und platter wird der Erdball. Alles wird so, wie ein einziger verdammter kleiner Provinzvorort. Wenn einmal die amerikanische Hygiene, Moralreklame, Frauenrechte und Massenproduktion in ganz Nah-, Fern- und Mittelost eingeführt sind, in der UdSSR, den Pampas, im Gran Chaco, im Donaubecken, Äquatorialafrika, in Obernichtswieweghier und der Inneren Tandaradei, Gondhwanaland, Lhasa und den Dörfern im finsteren Berkshire, was werden wir dann erst froh sein! Immerhin wird es den Reiseverkehr vermindern, denn man wird nirgends mehr hin wollen. [...] Ich denke, ich werde es noch ablehnen müssen, irgend etwas außer Altmercianisch zu sprechen. (12)

Sicher wäre es ihm ziemlich verführerisch erschienen, einen Zauberring zu besitzen, der ihm die Macht verliehen hätte, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Doch im tiefsten Inneren wusste er, dass dies keine Lösung wäre. Leben bedeutet Entwicklung und Wandel. Das gilt für die Welt ebenso wie für den einzelnen Menschen. Einfach bloß das Alte zu konservieren und sich jeder Veränderung zu widersetzen – zum "Einbalsamierer" zu werden, wie er selbst es nannte –, würde bedeuten, sich dem Leben selbst zu verweigern.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte es für Tolkien nicht geben. Da er nicht glaubte, dass die Menschen dazu fähig sind, den Lauf der Geschichte auf bewusste und zielgerichtete Weise selbst zu gestalten – dies war in seinen Augen ja gerade die Hauptsünde der Moderne, der "Sarumanismus" –, war er dazu verurteilt, in eine ebenso pessimistische wie fatalistische Haltung zu verfallen: "Ich bin nun einmal Christ, sogar Katholik, und darum erwarte ich von der ‘Geschichte’ nichts anderes als eine ‘lange Niederlage’" (13)
Es ist ein Beweis für seine Größe als Mensch und als Künstler, dass er sich diesem Problem offen und selbstkritisch stellte. Statt sich mit Arda einfach bloß eine vormoderne Fantasiewelt zu schaffen, in die er sich aus der verhassten Realität des 20. Jahrhunderts flüchten konnte, machte er aus eben den Bewohnern jener Welt, die am reinsten seine eigenen Ideale verkörperten, zugleich ein warnendes Beispiel für die Gefahren der nostalgischen Trauer um eine verlorene Vergangenheit, die ihn selbst so oft beherrschte. Er war wirklich der "ehrliche Romantiker".


(1) Brief an Christopher Tolkien [30. Januar 1945]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 96. S. 148.
(2) Diana Wynne Jones: The Tough Guide to Fantasyland. Revised and Updated Version. S. 62.
(3) Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 113.
(4) Brief an Naomi Mitchison [25. September 1954]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 154. S. 260.
(5) J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Bd. 1. S. 421f.; 423; 435.
(6) Ebd. Bd. II. S. 77ff.
(7). Ebd. Bd. I. S. 111; 440.
(8) Ebd. Bd. III. S. 295.
(9) J.R.R. Tolkien: Über Märchen. In: Ders.: Die Ungeheuer und ihre Kritiker. Gesammelte Aufsätze. S. 191f.
(10) Brief an Michael Tolkien [24. Januar 1972]. In: J:R:R: Tolkien: Briefe. Nr.332. S. 542.
(11) Brief an Rayner Unwin [24. Oktober 1952]. In: J:R:R: Tolkien: Briefe. Nr.135. S. 220.
(12) Brief an Christopher Tolkien [9. Dezember 1943]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 53. S. 89.
(13) Brief an Amy Ronald [15. Dezember 1956]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 195. S. 336.

Kommentare:

  1. Brin kann überraschen. Obwohl auch ich bei vielen seiner Äusserungen regelrecht mit den Zähnen knirsche, kann ich nicht ablassen immer wieder Sachen von ihm zu lesen. Bemerkenswerterweise scheint er eine Sensibilität für die Melancholie und Traurigkeit in Tolkiens Werk zu haben. Brins einziger Roman der mir wirklich gut gefallen hat, "The Postman", ist voll von dem Gefühl des Verlustes. Das Hauptthema sind die Dinge, auch die banalen, die wir nach dem Untergang unserer Zivilisation vermissen würden.

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    1. Klingt nach einem weiteren Kandidaten für die ewig wachsende Liste von Büchern, die ich irgendwann mal lesen will. :) Brin als Blogger finde ich zugleich irritierend und irgendwie faszinierend. Es gibt da oft genug Punkte, in denen ich mit ihm übereinstimme, und ein paar Zeilen später wirkt er auf mich wieder ganz fürchterlich borniert. Wie gesagt: Ein Phänomen.

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