"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 31. Oktober 2012

Ein blindes Mädchen, weiße Pferde und arthurische Mythen

'Placets' Kommentar bezüglich The Moon Stallion folgend, machte ich mich vor ein paar Tagen erneut in die schier unergründlichen Schatzgewölbe von Youtube auf und fand dort tatsächlich eine Version dieser britischen Kinderserie aus dem Jahre 1978 – wenn auch von optisch mangelhafter Qualität.

Weder Wikipedia noch IMDB haben sonderlich viel über The Moon Stallion zu berichten. Regisseurin Dorothea Brooking scheint ein Profi in Sachen abenteuerliches Kinderfernsehen gewesen zu sein, Drehbuchautor Brian Hayles hatte bereits bei Doctor Who sein Händchen fürs Phantastische bewiesen und Hauptdarstellerin Sarah Sutton würde drei Jahre später als Nyssa an die Seite des Time Lords treten. Viel mehr ist aus diesen Quellen nicht in Erfahrung zu bringen.

Der Inhalt der Serie ist schnell zusammengefasst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reist der Archäologe Purwell ins Hügelland von Berkshire, um dort nach Spuren der wahren Geschichte von König Artus und insbesondere nach dem Schauplatz der Schlacht von Mount Badon zu suchen, bei der Artus der Überlieferung zufolge ein sächsisches Heer vernichtend schlug. Für die Dauer ihres Aufenthaltes sind der Professor, seine blinde Tochter Diana und deren kleiner Bruder Gäste von Sir George Mortenhurze. Dessen Herrenhaus befindet sich in der Nähe des berühmten Hügelgrabs von Wayland's Smithy und des gewaltigen Pferde-Scharrbilds von Uffington, die beide eine prominente Rolle in der Geschichte spielen. Es sind diese uralten Monumente, die einen Gutteil der Atmosphäre von The Moon Stallion schaffen. Vor allem das Weiße Pferd ist ein ungemein faszinierendes Kunstwerk, dessen Anblick es einem leicht macht, in Träumereien über die Geheimnisse einer mythischen Vergangenheit zu verfallen.
Die blinde Diana besitzt offenbar übersinnliche Fähigkeiten. So spürt sie bereits bei der Anfahrt zum Herrenhaus die Anwesenheit des "Moon Stallion", eines geheimnisvollen weißen Wildpferdes, das angeblich alle neun Jahre in dieser Gegend auftaucht und ein Bote der Göttin Epona sein soll. Wie sich bald herausstellt, versucht Mortenhurze das geheimnisvolle Tier zu fangen, da er es offenbar für den Tod seiner Ehefrau verantwortlich macht. Der wirkliche Bösewicht aber ist sein Stallmeister Todman, ein Hexenmeister und "Pferdeflüsterer", der sich mit der Unterwerfung des "Moon Stallion" unbegrenzte Macht über die Kräfte der Natur zu erwerben hofft.

Die Serie konfrontiert uns mit einer ziemlich wilden Mixtur aus eisenzeitlichen, keltischen, germanischen und mittelalterlichen Versatzstücken. Das Weiße Pferd von Uffington und Dragon Hill; Epona (die nicht nur als Pferde- und Fruchtbarkeits-, sondern auch als Mondgöttin erscheint und mit der römischen Diana identifiziert wird) und Beltane; die Wilde Jagd und Wayland (= Völund; Wieland der Schmied), der als "Grüner König" Eponas Gefährte und Vorkämpfer ist, zugleich Züge des Gehörnten Gottes Cernunnos trägt und sich selbst als "Herr des Eisens" bezeichnet; die Schlacht von Mount Badon und Artus als keltischer Häuptling und mythischer "Once and Future King". Als sei es Brian Hayles darum gegangen, keinen Zweifel daran zu lassen, wo der gedankliche Hintergrund für seine Geschichte zu suchen ist, wird der magische Mistelzweig, den Diana als Talisman von Wayland erhält, "Golden Bough" genannt.
Einerseits finde ich so etwas ja ein bisschen problematisch, andererseits bezweifle ich nicht, dass mich eine derart geballte Ladung Mythos und Sage als Kind ganz sicher tief beeindruckt hätte. Erst recht, wenn sie so schön dahergekommen wäre wie in The Moon Stallion, verbunden mit prächtigen Landschaftsaufnahmen der grünen Hügel von Berkshire und untermalt mit stimmungsvoller Musik von Howard Blake.

Der Geist der 70er Jahre hat deutliche Spuren in der Serie hinterlassen. So verkörpern Epona, Wayland und der "Moon Stallion" eindeutig 'die Natur', während Todman als Stellvertreter der 'gierigen' Menschheit auftritt, der sich diese unterwerfen will.
Bliebe es bei dieser verschwommenen Allegorie, so hätte ich keine größeren Schwierigkeiten damit. Doch leider erhält Diana auch noch Visionen vom 20. Jahrhundert als dem "Zeitalter der Maschinen", das in allgemeiner Zerstörung enden werde. Ja, wir bekommen sogar die Prophezeiung eines künftigen Atomkriegs oder einer nuklearen Katastrophe zu hören. So etwas vermiest mir dann doch ein wenig die Laune. Vor allem, wenn mir als Gegenentwurf eine Art ökologisch korrekter Neopaganismus vorgesetzt wird.
Besonders verheerend ist jedoch, dass zur Vermittlung dieser Botschaft Diana immer mal wieder in die Rolle der Predigerin schlüpfen muss. Eine blinde Heldin ist an sich etwas faszinierendes. Auch heute dürfte es noch eher selten vorkommen, dass die Protagonisten einer Abenteuerserie für Kinder behindert sind. Doch leider relativieren all jene Szenen, in denen Diana auf unerträglich altkluge Weise ihrem Vater (und uns) irgendwelche mystischen Wahrheiten über das Leben, die Natur und die Menschen verkündet, diesen positiven Eindruck wieder gewaltig. Die Verknüpfung körperlicher Blindheit mit geistiger Schau ist zwar uralt, aber darum nicht weniger fragwürdig.

Man möge diese Kritik bitte nicht falsch verstehen. The Moon Stallion ist alles in allem eine schöne und stimmungsvolle Kinderserie. Von der Qualität der Children of the Stones ist sie zwar meilenweit entfernt, aber als ein weiteres Beispiel für das phantastische Kinderfernsehen der 70er Jahre lohnt sie durchaus einen Blick.  Ich jedenfalls bin froh, dass mich 'Placet' auf ihre Existenz hingewiesen hat. 

Kommentare:

  1. Oh wow, danke. Nie gerechnet damit gleich einen ganzen Blogeintrag losgetreten zu haben. Ich selber habe die Serie seit Kindertagen nicht mehr gesehen und mich erst durch den Artikel über "Children of the Stones" (ein wenig) daran erinnert (Triggerwörter: britisches phantastisches Kinderfernsehen 70er). Die "Prophezeiung" ist mir als eine der wenigen Szenen noch gut in Erinnerung, und zwar weil sie mir damals als Kind eine Heidenangst(!) gemacht hat (die Atomkriegsfurcht der Zeit ist nicht ohne Wirkung geblieben, vielen Dank Gudrun Pausewang...). Jedenfalls habe ich in letzter Zeit viel über damals gesehene phantastische Kinderserien nachgedacht und recherchiert. Als Kontrastprogramm :) zur Technikfeindlichkeit: Kennt hier jemand die australische Kinderserie "The lost islands"?
    Gruß

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    1. Ich habe mich zu bedanken. Es hat mir wirklich viel Spaß gemacht, die Serie anzuschauen. Außerdem war mir das Weiße Pferd von Uffington bisher völlig unbekannt. Was für eine Entdeckung!
      Und jetzt hast Du mir mit "The lost islands" auch schon gleich den nächsten Köder ausgelegt ... Na ja, vorerst stecke ich noch in "Blake's 7".
      Spannend finde ich, dass du dich ausgerechnet an die "Prophezeiung" noch so gut erinnern kannst, da deren Bedeutung nur recht vage angedeutet wird. Aber damals reichte vermutlich schon eine unklare Vision von "mutierten Lebensformen", um vor unserem inneren Auge die Atompilze aufsteigen zu lassen ... Ach ja, und die gute Gudrun Pausewang. Kennt man die heute eigentlich überhaupt noch?
      Deine Gedanken und Erkenntnisse über phantastische Kinderserien aus der guten alten Zeit würden mich sehr interessieren. Schreib doch mal bei Gelegenheit etwas darüber!
      Bis demnächst! :)

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