"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 1. Juli 2012

Danke, Denis

Der famose Denis Scheck  seines Zeichens unermüdlicher Streiter für das Gute, Wahre, Schöne – hat sich wieder einmal aufgemacht, die Phantastik gegen ihre kleingeistigen Verächter zu verteidigen. Unter Deutschlands offiziösen Literaturkritikern und -kritikerinnen bildet er damit wohl immer noch eine einsame Ausnahme.

Dass die Feindschaft vieler selbsternannter Gralshüter der Kultur gegenüber der Phantastik nach wie vor so stark ist, lässt sich vielleicht auch dadurch erklären, dass sie sich aus mehreren, recht unterschiedlichen Quellen speist. Da wäre zuerst einmal der traditionelle bildungsbürgerliche Snobismus, der der SciFi, dem Horror und der Fantasy bis heute nicht ihre plebejische Pulp-Herkunft verzeihen kann.* 'Linke' Schützenhilfe erhält er durch die von der Frankfurter Schule gepredigte Verachtung für alle Produkte der 'Kulturindustrie'. (Der alte Adorno war in vielem einfach ein kulturkonservativer Snob). Hinzu kommt eine aus den 70er Jahren ererbte 'progressive' Spießigkeit , die ausschließlich in sozialrealistischer und 'engagierter' Literatur etwas wertvolles erblickt. Und wie Schecks Artikel zeigt, reihen sich in diese antiphantastische Einheitsfront dann auch noch die frommen Verteidiger des christlichen Abendlandes à la Kardinal Meisner ein.

Das in meinen Augen größte Problem mit den Feuilleton-Feinden der Fantasy besteht darin, dass ihre selbstbewusst vorgetragene Ignoranz und ihr unerträglich arroganter Tonfall die in Einzelfällen durchaus berechtigte Kritik, die sie anbringen, völlig entwertet. Ihre Pauschalurteile über ganze Genres und ihre offensichtliche Verachtung für den lesenden Pöbel führen verständlicherweise sehr oft zu einer trotzigen Verteidungshaltung auf Seiten der Genrefans. Damit erschweren sie bloß die Entwicklung eines im besten Sinne kritischen Umgangs mit Werken der Phantastik unter denjenigen, die diese Literatur tatsächlich kennen und lieben.

* Ich weiß, keine der drei Spielarten der Phantastik ist tatsächlich in den Pulps geboren worden, aber als moderne Genres haben sie sich dort herausgebildet.

Kommentare:

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  2. Ich glaube, ich würde hier gern einige kritische Bemerkungen zu deinem Urteil über Adorno machen, weil ich glaube, dass es ihm wirklich nicht gerecht wird.

    Adorno hat sich m.E. eben gerade nicht durch einen Kulturkonservatismus, im Sinne eines festhaltens an tradierten Formen der Kunstproduktion, ausgezeichnet. Peter Bürger arbeitet dies recht schön im Kapitel zu Adorno und Lukács in seiner "Theorie der Avantgarde" heraus. Gerade in den historischen Bewegungen der Avantgarde entdeckte er ja den zeitgemäßen* Ausdruck der Kunst. Lukács' rigides Festhalten am organischen (d.h. bürgerlich-realistischen) Kunstwerk als verbindliche Norm, erschien ihm hingegen per se als ideologieverdächtig.

    Adornos und Horkheimers Kritik der Kulturindustrie jetzt als "linke Schützenhilfe" für Phantastikfeinde zu bezeichnen, erscheint mir weit hergeholt. Mehr noch wird die Kulturindustriethese so für meine Begriffe insgesamt missverstanden. Roger Behrens hat dies in einem Interview auf Beatpunk einmal sehr schön formuliert:

    "Die Kulturindustriethese, wie sie Adorno und Horkheimer in der ›Dialektik der Aufklärung‹ formulieren, ist erstmal eine Analyse einer bestimmten gesellschaftlichen Situation in den vierziger Jahren. Es scheint mir dort der entscheidende Punkt zu sein, dass es sich nicht um eine Kulturanalyse handelt, also nicht um einen aus der Gesellschaft heraus gelösten Bereich. Vielmehr beschreiben Adorno und Horkheimer mit dem Begriff der »Kulturindustrie« eben die spätkapitalistische Gesellschaft überhaupt, die sich gegen Mitte des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Vor allen Dingen in den massendemokratischen Gesellschaften, wie es am Beispiel der USA im Kulturindustrieabschnitt gezeigt wird. Das ist insofern erstmal wichtig, weil auch da wieder deutlich wird, dass die Kulturindustriethese nicht kulturkritisch verkürzt gemeint ist, sondern Bestandteil einer Gesellschaftstheorie ist. "
    Roger Behrens: Zur Kritischen Theorie der Popkultur (2004)

    Die Kritik der Kulturindustrie will gerade nicht eine ganz bestimmte Art von Kulturerzeugnissen als niedere Massenkultur denunzieren und diesen im gleichen Atemzug die bürgerliche Hochkultur entgegenstellen, obwohl dies, nicht zuletzt in linken Kreisen, häufig das Vorurteil ist. Als Kritik der spätkapitalistischen Gesellschaft zielt die Kulturindustriethese auf den generellen Modus der Kulturproduktion überhaupt ab.

    Dass dabei einige Dinge kritik- und ergänzungsbedürftig sind (und auf welche Theorie träfe das denn nicht zu?) wurde ja nun wirklich zur Genüge betont, gerade auch aus den Reihen der Kritischen Theorie selbst. Von Büchern darüber, warum es nach und mit Adorno trotzdem guten Jazz gibt und geben kann, bis hin zu einer Auseinandersetzung mit den ökonomiekritischen Prämissen in der Dialektik der Aufklärung (siehe hier wieder das Interview mit R.Behrens)

    Dieses andauernde Adorno-Bashing verstellt im Gegenzug aber vielmehr eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit seinen Schriften und bringt eigentlich niemandem etwas.



    *selbstverständlich "zeitgemäß" im Sinne jener historischen Epoche

    lg,
    sad

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    1. Hallo, sad!

      Meine abfällige Bemerkung über den guten Adorno war sicher polemisch und etwas einseitig. Das Etikett des Kulturkonservativen wird ihm, da hast Du wohl recht, nicht in Gänze gerecht. Dennoch denke ich, dass bei ihm nicht bloß "einige Dinge kritik- und ergänzungsbedürftig sind".

      Ich kann nicht behaupten, alle seiner kulturkritischen Schriften gelesen zu haben, aber mein Eindruck war immer der, dass seine Verteidigung der Avantgarde letztlich nur die Kehrseite seiner rigorosen Verdammung der Massenkultur war (am deutlichsten wohl in der Musik, der Kunstform, die ihm persönlich am nächsten stand). Was er z.B. über den Jazz oder über Hollywood geschrieben hat, unterscheidet sich in meinen Augen tatsächlich nur geringfügig vom Gejammere des Bildungsbürgers, der in Kino, Comic und Popmusik den Untergang des Abendlandes erblickt. Natürlich bedient er sich dabei einer anderen Terminologie, angereichert mit 'marxistischen' Begriffen, aber wie der Kulturkonservative zeichnet auch er das Bild einer seelenlosen, standardisierten und zur reinen Ware verkommenen Kunst, und das wird der Realität einfach nicht gerecht. Ich kann mich da z.B. noch (etwas vage) an eine seiner Ausfälle gegen den Western erinnern, in dem er sämtliche Filme dieses Genres als gleichförmig produzierte Massenwaren ohne individuelle Qualitäten, mit einem Wort als Schund aburteilt. Jeder der die klassischen Werke von John Ford, Howard Hawks oder Anthony Mann kennt, kann bei soviel Ignoranz nur verzweifelt den Kopf schütteln. Und ich möchte lieber nicht wissen, was Adorno über die Pulps gesagt hätte (oder hat), in denen phantastische Schriftsteller wie Robert E. Howard, H.P. Lovecraft, Clark Ashton Smith, C.L. Moore, Ray Bradbury, Alfred Bester oder Fritz Leiber ihre Stories veröffentlichten. Und was die 'antiphantastische Einheitsfront' angeht: Es steht doch wohl außer Zweifel, dass ein Gutteil des heutigen Feuilleton-Establishments in einer Zeit herangewachsen ist, als Adorno & Co noch zu den akademischen Göttern zählten,oder?

      Die 'Kulturindustrietheorie' als Ganzes (soweit ich sie verstanden habe) ist in meinen Augen Ausdruck einer extremen politischen und intellektuellen Demoralisation,hervorgerufen durch die Ereignisse der 40er & 50er Jahre. Einige ganz richtig erkannte Züge der 'Kulturproduktion' werden verabsolutiert und zum Bild eines monolithischen, allbeherrschenden Systems verdichtet. Diese Sicht der Welt ist in meinen Augen nicht nur faktisch falsch, sondern sowohl in kultureller wie auch in politischer Hinsicht verheerend.

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